102 I. Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrh.
schuss des Gewebes bedeckt, durch den der Kegel hindurchschimmerte( Fig. 68 a. b. c ). Sowohl jene einfachere Anordnung als auch diese Artder Durchbildung hat sich im Wesentlichen bis heut und zwar die ersterenamentlich bei den Judenfrauen in Algier ', letztere hingegen vorzugsweisebei den Weibern der Normandie als volksthümlich fortgepflanzt. — Na-türlich fehlte es neben dem Allen auch jetzt nicht an noch anderen,minder auffälligeren und einfacheren, ja zum Theil selbst geschmackvollenFormen, wie man denn zugleich fast sämmtliche vordem übliche Gestal-tungen im Allgemeinen beibehielt. Doch gingen diese mehr und mehrauf die minder vornehmen, bürgerlichen Klassen über, wo sie nun dieauch von den Weibern früher so beliebte Kapuze allmälig ganz in denHintergrund drängten.
In der Haartracht hielt man durchaus, selbst bis zum Schlussdes fünfzehnten Jahrhunderts, an der bereits üblichen Anordnung fest, daman es immer noch als vornehm und geschmackvoll erachtete, so vielStirn und so wenig Haar als nur irgend thunlich zu zeigen; auch liessman sich in der Anwendung der Schminke und noch sonstiger Schmuck-mittel, als auch der mancherlei Schmucksachen und der spitzge-s chnabelten Schuhe, ungeachtet der beständig wiederholten Einre-den dagegen, in keiner Weise nachhaltig beirren. —
Als nun innerhalb solches Vollzugs gegen die Mitte dieses Zeitraumsder Hof von Burgund zum weithingebietenden Tonangeber sich erhob,hatte es dieser sich bei der ihm stets eigenen Hinneigung zur Prachtschon lange bevor angelegen sein lassen, Alles was in diesem Punkteder französische Hof leistete, möglichst noch prunkender zu gestalten.Bereits seit Vereinigung beider Burgunds unter der Herrschaft Philippdes Kühnen (gest. 1404) begann ein derartiger Wetteifer. Und eben nundieser führte dahin, dass als nach dem Vergeltungstode Johanns desUnerschrockenen im Jahr 1419 Philipp der Gute zur Herrschaft gelangteund dieser Gent, wo er seither für Johann die Verwaltung geführt, auchals Iloflager beibehielt, hier solcher höchstgesteigerte Aufwand gewisser-massen zur unerlässlichen Zeit- und Tagesordnung ward. Indessen wares auch dies nicht allein, was diese Herzoge auszeichnete, als nicht min-der auch deren Hang zu höherer, geistiger Bethätigung. Obschon mehr-fach, wie andere Fürsten , in bedrohliche Kriege verwickelt, unterliessensie es doch nie auch den wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungenin edelster Weise Rechnung zu tragen, sie zu stützen und zu beleben,was denn zugleich ihrem Hofwesen an sich, so äusserlich es auch einer-seits war, doch auch andererseits das Gepräge feinster Bildung und Sitteverlieh. Aber gleichwie ein Zusammenfluss von vorwiegend geistigen
1 Vergl. Aloph. Gallerie royale de Costumes, peints d’aprfes nature pardivers artistes et lithograph. Paris , gr. Fol.: Costumes Algeriens . PI. 20.