A. Die Tracht. Frankr.,Engl. ,Nicderl. Kleidung im AUg. (1440—1480). 103
Interessen mit lediglich auf das Aeusserlichste gerichteten Anforderungenfast immer zur Herausbildung von streng bemessenen Yerkehrsformenführt, um so gemessner noch wenn der Reichthum als solcher die Gesell-schaft bestimmt, so auch war dies und zwar ganz besonders am burgun-dischen Hofe der Fall. Nirgend sonst war die Anstandsregel und derUmgang überhaupt so fest durchgebildet als gerade hier, wo sich diesbis aufs Einzelne, selbst Unbedeutendste zwangvoll erstreckte. AuchPhilipp der Gute , obschon es diesem bei der ihm ausnehmend eigenenVorliebe für Kunst und Wissenschaft weit mehr noch als seinen Vor-gängern um echten ritterlichen Anstand und wahrhaft geschmackreichePracht zu tliun war, vermochte sich davon nicht zu befreien, ja trugselber noch mit dazu bei, das schon so äusserst gemessene Wesen nochceremoniöser zu versteifen. Und ebenso dann auch noch Karl der Kühne trotz der ihn bewegenden grossen Pläne, unter dessen nur kurzer Regie-rung es nun auch zugleich mit dem von ihm aufs Höchste gesteigertenPrachtaufwand seinen Höhepunkt erreichte.
Dies beides, unbegrenzte Pracht und durchweg ceremoniell bedingteUnfreiheit der Umgangsform, war es somit auch was vornämlich nun,gleichwie dem äusseren Verkehr überhaupt, auch der Kleidung insbesonderesein eigenes Gepräge aufdrückte. In gleichem Maasse als die Kleidungan Kostbarkeit und Glanz noch gewann, nahm sie noch an Steifigkeitzu, so dass sie, und zwar bei Männern vorwiegend, gemeiniglich denEindruck machte, als sei sie am Körper gänzlich erstarrt. Und diesbetraf nicht sowohl die auch schon vordem zu ähnlichem Grade der Ge-spanntheit durchgebildete kurze Bekleidung, sondern auch die danebengebräuchlichen längeren und weiteren Ueberziehkleider, ja selbst auchdie lange weibliche Tracht, wozu allerdings der gerade nunmehr immerallgemeinere Gebrauch der schon seither in den Niederlanden gefertigtensehr schweren Seidenstoffe, Brokatgewebe u. dergl., bei deren'Derbheitund Störrigkeit, wesentlich das Seine beitrug.
Aber nicht allein in der Tracht, vielmehr in jeglicher Art sich zuäussern, sei es im alltäglichen Begegnen, sei es in Veranstaltung -vonFesten, Kampfspielen u. s. w., beobachtete der Hof von Burgund stetsgleiehmässig den höchsten Aufwand. Als Philipp um 1454 in Folge derEinnahme von Byzanz durch die Türken den Plan fasste, ‘die Christen-heit zu einem Kreuzzug aufzuregen, gab er in dieser Absicht ein Fest-mahl, dessen Kosten die Einkünfte des Königs von Frankreich fast über-stieg. Er selber erschien an diesem Tage in einer Bekleidung, derenWerth man im Hinblick auf die daran verwendeten Gold- und Perl-arbeiten, Edelsteine u. s. f. über eine Million Thaler schätzte. Für seineGäste hatte er drei Speisetafeln aufstellen lassen. Auf der einen erblickteman eine Kirche mit Glas ausgelegt, darinnen eine tönende Glocke und