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II. Das Kostüm des 16. Jahrhunderts.
wuchern. Mit dieser hatte sie in ihrer vorerst noch weniger starrenAusprägung, so namentlich im Bürgerthume eine eigene Mischform er-zeugt, die sich nunmehr zufolge der völlig veränderten Umstände nurnoch aus sich heraus fortbildete. Ihr Grundzug war der eines freienBehagens bei äusserlich abgemessener Strenge. Das muthig erstrebteZiel war erreicht. Die bis dahin lediglich auf diesen Punkt hin ver-einten Kräfte begannen sich von einander zu lösen und je ihren eigenenWeg zu gehen. Die wissenschaftliche Forschung vor allem gewann zu-nehmend an Vielseitigkeit, jedoch zugleich eine begrenzte Art vonschulmeisterlicher Trockenheit. Der Verstand, aus den beengendenBanden der alten Kirche einmal befreit und zur Selbstthätigkeit erweckt,bemächtigte sich des Gefühlslebens. Der Idealismus schwand dahin, man
liess nur noch die Wirklichkeit gelten. In ihrer Ergründung verlor mansich häufig in erfolglosen Grübeleien. Auch die geheimen Wissenschaften(Sterndeutelei, Goldmacherei u. A.) fanden ihre Verehrer. Ja sogar 1neue Lehre blieb davon nicht unberührt, vielmehr wurde, wenigst 11110theilweis, in Eigenmeinungen versteift. In der protestantischen Geistimkeit stellten sich gelegentlich, nur allzuoft um Kleinlichkeiten, Wi^ erSpruch und Hader ein. Daneben liess sie nicht ausser Acht, ihre ^° rherrschaft zu befestigen und, nun auch auf ihre Weise, die Gemütbe 1zu bedrängen. Der Gewinn forderte Verlust. Die Harmlosigkeit 111der leichte Sinn waren dem längst zum Opfer gefallen. Schärfe uderbe Herbigkeit griffen allgemeiner um sich. Weder der Witz und 1Satire, die sich eingefunden hatten, noch die fortschreitende Gelehrsamkeit vermochten jenen Verlust zu ersetzen. Neben der Rangstellung 0Adels begann die „Bildung“ und das „Vermögen“ eine Wirkung, ^ ienach oben, so nach unten hin auszuüben: einerseits eine immer weit crgreifende geistige Ausgleichung, andrerseits eine äusserlich noch scharfere Sonderung der Stände. Gegenüber dem freieren Zuge, den die neugeistige Richtung vorschrieb, bildete sich zugleich eine Beschränkungengster Selbstzufriedenheit, ein in sich verknöcherndes Spiessbürger- u 1 ^Philisterthum aus. Dies Alles gab denn freilich auch hier der FormAussenlebens zunehmend ein Gepräge von Steifheit, das aber nun selIlC ^ 1Grundwesen nach weit entfernt von spanischer Erstarrung, dieser hostens ähnelte. — Ganz dementsprechend, eben nur örtlich mehr 0 ^weniger bedingt, verhielt es sich damit in den übrigen Ländern, inchen die deutsche Weise vorherrschte und die neue Lehre gesiegt n^..^So auch wurden sie kirchlicherseits denselben Gefahren ausgesetzt,in Deutschland unter Rudolf II. , versuchten in Schweden unterhann (seit 1586) und in Polen unter Sigismund (1594) die Jesuiten 1Haupt zu erheben. Dort mussten sie das Land verlassen. Hier a ^da der König selber von ihnen erzogen worden war, gelang es ihnen