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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

aufgeschlagenen (Halb-) Ermeln, und bedienten sieh statt dessen fastdurchgängig, eben in engerem Anschlüsse an den seitherigen, vorzugs-weise bürgerlichen Brauch, einerseits eines wenigstens den Unterleibvöllig bedeckenden taillelosen Knöpfrocks, zumeist mit ganzen, unzerschlitz-ten Ermeln, ihn auch nicht, wie jene offen, sonders bis zum Halse geschlos-sen tragend, anderseits eines einfachen oft kaum bis zu den Knien rei-chenden, kragenartigen Rückenmantels. Die geschlossene und offne Knie-hose, die enge Strumpfhose, so wie auch das Uebrige, beliessen sie imGanzen wohl unverändert; doch jeden Ueberfluss abweisend, machtensie weder von Bändern und Schleifen, noch gar von Kanten und Spitzenoder sonstigen Zierbesätzen auch nur einigen Gebrauch, während sieselbst auch ihr Ilaar, gegensätzlich der modischen Form, kurz zugestutzt,schlicht zu tragen pflegten. Allerdings folgten dem nicht Alle mit glei-cher Entsagung, wenigstens anfänglich nicht; indessen wie sich auchdie Schwankungen äusserten, geschah dies nichtdestowenigcr innerhalbder Grenzen grosser Einfachheit, auch wesentlich nur in Anbetracht derFärbung, die vorwiegend dunkel beliebt ward, und der Verschiedenheitder Stoffe lediglich ihrer Güte nach. Im Ganzen steigerte sich die Ein-fachheit ziemlich in demselben Maasse, in -welchem bei der Gegenpartei,wie insbesondere bei den sogenannten ,Kavalieren, der kleidliche Auf-wand wuchs. So nun aber in immer schärfer absichtlichem Widerspruchdagegen auch zunehmend weiter um sich greifend, artete sie denn kaumminder, wie bei jenen der Aufwand, bei den von Cromicell vereinigtenGottseligen, den Independenten, in Uebertreibung aus. Sie, vondenCavalieren wiederum, ihres abgestutzten Haars wegen, spöttischalsRoundheads bezeichnet, beschränkten sich nicht nur auf die schonan sich so überaus einfache Ausstattung, vielmehr gaben ihr auch einauffäliges Gepräge von äusserster Schlichtheit und Dürftigkeit. In ihrerzumeist im Dunste von engen Plandwerksstätten verdampftengottseligenBegeisterung, kleideten sie sich am liebsten in die derbsten, gröbstenStoffe, fast ausschliesslich von schwarzer und grauer Farbe. Zu Hose,Wamms und Rückenmantel wählten sie gemeiniglich schwarzes Tuch, zuden Strumpfhosen graue Wolle; auch die Schuhe oder kurzen Stulpen-stiefel und der Hut theilten die schwarze Färbung; jene -waren meistschwer und plump, die Hüte mit geradabstehendem Rande ohne Band-und Federschmuck; dazu höchstens als einzige farbige Abwechselungein einfacher weisser Schulterkragen, und das in seiner Naturfarbe be-lassene, gelbbraune Querbandelier.

Eine derartige überspannte Einfachheit -war indessen, wie es denneben auch nicht anders sein konnte, weder von weitergreifender Wirkung,noch ron Dauer. Noch um so weniger aber, als Cromivell selber schonbald nach seiner Erhebung zum Protector (1653) davon abstand, und die