Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
1029
JPEG-Download
 

A. Tracht. England. Kleidung der Männer (16001650). 1029

und Seide von lichter Färbung, hauptsächlich in Hellblau und Weiss,Gelb und Orange, mit Gold oder Silber gestickt, durchweg den Vorzug;doch wurden auch tiefere Farben, wie Violett, Carmoisin, u. s. w., nichtgerade ausgeschlossen, obschon gemeiniglicher nur für Bänder und Schlei-fen in Anspruch genommen. Letztere, sowie auch das Litzen-, Köpf-end Spitzenwerk fortan zu ganz ähnlicher Verzierung von Wamms undHose, wie in Frankreich , verwendet, erhielten zumeist an ihren Enden,als eine eigens schmückende Zuthat, je eine ziemlich lange metallne Spitze(» points ), gewöhnlich von Silber, bisweilen vergoldet. Noch sonstaber fand nun neben den engeren geschlossenen Kniehosen ( Fig. 353),die in den Niederlanden und Frankreich überdies schon seit länger ge-bräuchlichen unten offnen Kniehosen, nebst den ihnen jetzt eignen Be-sätzen von Bandwerk, vielfach Aufnahme (Fig. 354 a ; S. 989); undebenso, kaum weniges später, sowohl der sehr breitrandige Schlapphutftnt aufwärts geschlagener Krempe u. s. w., als auch, statt des um denHüften zu schnallenden Degengurts, das über die Schulter querüber zubangende Bandelier. Aber inwieweit auch nach allemdem, wie dennselbst auch in der Behandlung des Haars, mit -der französischen Gesammt-erscheinung eine Ausgleichung statt hatte, war diese immerhin nur ober-flächlich. Den eigentlichen Ausschlag dafür gab doch die tiefere Volks-tümlichkeit. Ganz abgesehen dass bei aller vorherrschenden Stutzereisich immerhin eine grosse Zahl auch aus den höchsten und höherenStänden davon ferne hielt, verlor sich doch auch der weitüberwiegende^heil der Vornehmeren, welcher sich ihr ganz überliess, keineswegs, we-der in Wort, Thuen noch kleidlichem Gebühren zu einer ähnlichen breit-spurigen Grossthuerei, wie das französische entartete Stutzerthum, son-dern bewahrte in seinem ganzen Auftreten vielmehr ein gemesseneres,ruhigeres, mehr wahrhaft edelmännisches Gepräge.

Anders gestalteten sich die Dinge bei den den Interessen des Königs-thums widerstrebenden Parteien, den Puritanern. Ihnen, als zumeistdem Bürgerthuine und zwar den mittleren, minderbegüterten Klassen an-gehörig, blieb mithin mehrentheils schon an sich ein etwaiger Aufwandv ersagt. Aber weit mehr noch als solcher Umstand hielt sie davon ihrestrengere, kirchlich-sittliche Anschauung zurück, der ja überhaupt jedesHeberschreiten des nothwendig gebotenen Maasses geradezu als sünd-b'ehe Ausschweifung galt (S. 952). Freilich wohl nahmen auch sie,v °u dem sonst allgemeineren Zuge mitfortbewegt, die seit Karl I. sichVon oben herab verbreitenden Formen an, aber doch nur langsam, auch®ben einzig ihrem Grund Zuschnitte nach, und auch überdies nicht ohnes ' e > mindesten zum Theil, mit dem Gewohnten zu vermitteln. So vora *lem verstanden sie sich immerhin nur sehr vereinzelt zur Aufnahmeder kurzschössigen Jacke und des weiteren mantelartigen Umhangs mit