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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

steigenden Aufwands, während damit eine stetig verschärfte Wieder-holung der Aufwandgesetze und Kleiderordnungen fast gleichenSchritt hielt.

Aber zufolge der Ausdehnung des Reichs und seiner Zersplitterungin so viele Einzelstaaten, ging die Französirung an sich, als auch mBetreff der Kleidung, weder überall gleichzeitig noch durchweg gleich-massig vor sich. Mit Ausnahme der Höfe von Düsseldorf und derPfalz , wo sie schon seither, dort seit dem blödsinnigen Wilhelm IV. von Jülich und seinem Sohne (etwa seit 1580), hier seit Friedrich IH-(etwa seit 1650), kräftiger gepflegt wurde, und ausser einzelnen, hie undda zerstreuten Stutzern, welche ihr von vornherein huldigten, fand siedoch auch in den höchsten und höheren Ständen noch bis gegen dieMitte der zwanziger Jahre verhältnjssmässig geringen Anklang. In einIgen, theils umfassenden Gebieten, wie in Sachsen , Schlesien, Bran­ denburg , Hessen , Anhalt - Köthen u. a., gewann sie an denHöfen und überhaupt erst nach einer Vermischung mit dem Herkömm-lichen von längerer Dauer ein entschiedenes Uebergewicht, was überdiesam kaiserlichen Hofe, zu Wien , sogar erst in der zweiten Hälftedes Jahrhunderts eintrat. Andere Höfe, wie besonders die von Baiern ,Braunschweig und Hannover , waren der Französirung allerdingsschon um vieles eher, zum Theil gleich anfänglich vollständiger erlegen,dahingegen sie wiederum in mehren der als Reichs- und Handelsstädtegeschlosseneren Kreise, in Hamburg , Lübeck , Bremen , UI®Nürnberg, Augsburg , Frankfurt am Main u. s. w., wie dennvor allem in Strass bürg, einen so nachhaltigen Widerstand erfuhr,dass sie daselbst kaum schon vor dem Schluss des Jahrhunderts vöW'ger durchzudringen vermochte.

In diesen Städten, so wie auch in den meisten der von den Haupt^oder Residenzstädten entfernteren, mehr ländlichen Kreise, beharrteTracht theils noch geraume Zeit hindurch in herkömmlicher Form, 11bildete sich entweder aus dieser heraus selbstständiger, oder unter nur ttiweiser Einmischung der französischen Muster, je nachdem mehr ominder eigenheitlich fort. In allen Fällen spielten somit die auf S P^nisch-französischem Einfluss beruhenden Gestaltungen dauernd eUHauptrolle, also bei den Männern vornämlich, nächst dem eng an ^schliessenden Wamms sammt kurzem, schossartigem Verstoss, mit eng^ren Ermeln und Schulterwülsten, und den bauschigen Kniehosen, ^vielfach gefältelte steife Halskrause, der kegelförmig aufgesteifte Hutknapper, gerader Krempe und der knappe Rückenmantel. Mithin 'züglich an diesen Stücken, wozu auch noch als gelegentlicher ErsatzMantels die zu einem kurzen Ueberwurf mit Ermeln oder Armsch > zversehene steif zugestutzteSchaube, und die enge Strumpfhose ne