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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

teilen und geputzten Cortesi, Concubin und Mätressin der welschfran-zmischen, jetztmals teutschen, Aufzugs genannt.

Und so auch verhielt es sich in der That, wenigstens im Ganzengenommen; und zwar vor allem beim männlichen Geschlechte, dassich, wie insbesondere das freilebige Stutzerthum, den tiefverderb-lichen Wirkungen des wild fortwuchernden Kriegs nur zu willig iiberliess.Mitfortgerissen von dem Kriegsvolke, dem rohen Söldnerwesen, verlor essich in Nachahmung seines unbändigen Treibens zu einer hohlen Gross-thuerei, welche dann eben, wie in Worten und Gebahren, so auch in derTracht zu vollstem Ausdruck kommen sollte. Stets durchaus >.- amode zu sein, und dennoch in jeder Weise soldatisch, nachlässig biszur Verwahrlosung, trotzig, kühn und keck herausfordernd zu scheinen,dabei den Weibern zu gefallen und dem bürgerlichen Altväterthum hocliehst zu imponiren, dies war die Aufgabe, welche sich die stutzerischeJugend stellte, und nach Kräften zu erfüllen strebte. Wie weit auch dieFranzösirung im Allgemeinen um sich griff, behauptete sie demgegenübernichtsdestoweniger ihre Sonderstellung, und blieb somit stets vorzug='"' e)ßCjenen ernstlich ermahnenden und abbildlich spottenden Angriffen ausgesetzt, wozu sich dann überdies noch die derbe Satire als Mitkampgesellte. In diesem Sinne trat neben Anderen hauptsächlich der ebensoeinsichtige als witzige Hanns Michael Moscherosch (16001669) ul ^® rdem Namen r Philander von Sittewald als schonungsloser Richter a jIn seiner zuerst um 1646 veröffentlichten satirischen Schrift: 1liehe und wahrhaftige Gesichte wandte er sich denn wie geg enStutzerdie sich insgesammt einbildeten, dass sie die schönsten, wohlg®.staltesten, lieblichsten Kerle auf Erden wären, so auch in seinem Amode Kehraus gegen Alles, wodurch sie sich ein Ansehen zu g c

suchten, gleich beim Haupte beginnend:Diese langen Haare, also bor^

terhangend, sind rechte Diebshaare, und von den Welschen, welchen 1einer Missethat oder Diebstücks willen irgend ein Ohr abgeschnitten,dacht worden, damit sie mit den Haaren es also bedeckenUnd ihr wolt solchen lasterhaften Leuten in ihrer Untugend nachaja oft eurer eignen deutschen Haare euch schämen ? Wollt hing 6 »lieber eines Diebs oder Galgenvogels Haar euch auf den Kopf slassen? Aber wer sich seines eignen Haars schämt, der ist nicht " edass er einen deutschen Kopf hat (u. s. w.).Bist du ein Deut»c

1 Wunderliche und wahrhaftige Gesichte Philanders von Si11e'Wdas ist Straff-Schriften Hansz Michael Moscherosch von Wilstädt, j, enehern aller Welt Wesen aller Menschen Händel mit ihren natürlichen yder Eitelkeit (u. s. w.) als in einen Spiegel gestellt und gesehen werden ( u - ®'^ ur gDie von ihm selber veranstaltete vollständige Ausgabe erschien in Stras ^bei Mülben u. Stadeln 1650 in 2 Bänden; ein Wiederabdruck in Berlin