III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.
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taf- ‘ Dennoch, so geringe diese Schwankungen waren, verrückten sie dasgestörte Kunstmaass nur noch mehr. Seit den dreissiger Jahren aberäusserten sie sich, ungeachtet es nicht an manchem bedeutsamen Gegen-gewichte fehlte, zunehmend auffälliger, bis dass ihnen denn nach Verlustfast jedes Halts bis um die Mitte des Jahrhunderts, der nun daran ge-wöhnte „Geschmack“ geradezu gebot, sich in ihrer Abirrung bis zumAeussersten fortzubewegen.
Gleichwie solche Abwandlung in Frankreich und Italien be-gonnen hatte (S. 817 ff.), so auch vollzog sie sich daselbst ununter-brochen als für die anderen Länder maassgebend. Doch machte nachdieser Richtung hin Italien nun wiederum Frankreich den Vorrangstreitig, indem sich dort vielseitig begabte Kräfte entfalteten, denen esvergönnt sein sollte die allgemeine künstlerische Verworrenheit, wennauch nicht zu mehrem Gleichmaass zu entwirren, doch auf lange Zeithin zu beherrschen. Eingreifend in die Fülle des Gewonnenen, ver-standen sie es diese mit Geist, und oft allerdings auch mit bewunde-rungswürdiger Kühnheit, zu einem Ganzen, von nicht selten selbst anGrossheit streifender Wirkung zusammenzufassen. — Aber so sicherund kraftvoll sich vor allen Giovanni Lorenzo Bernini (1599—1680)hervorzuthun wusste, vermochte auch er nur der Zeitströmung zu folgen.Ohne sich über sie frei erheben zu können, gelang auch ihm, bei allerBegabung kaum mehr, als der einmal im Zuge begriffenen Entartungeben nur einen täuschenden Schein von kunstgemässer Geschlossenheitzu geben. Maler, Bildhauer und Baumeister zugleich, erstreckte siehsein Einfluss auf das Gesammtgebiet der Kunst, hauptsächlich jedochauf die Bildnerei und Baukunst, für welche er geradezu entscheidendward, mithin auch, als abhängig davon, auf die Geräthbildung als solche.So wunderlich und zum Theil seltsam genug die Formengebung, nur zuoft selbst im Widerspruch mit der Sache, verschoben war (S. 812), wussteer sie nichtsdestoweniger seinem Scheingesetze anzupassen. Selbstschö-pferisch sie noch erweiternd, und in ihrer Verwendung, vornämlich imbaulichen Betriebe, zwar keineswegs mit Rücksicht auf die innere Be-deutung der Formen irgend bedenklich verfahrend, beobachtete er dennochmehrentheils eine glänzend geistvolle, imponirende Maasshaltigkeit. Undso die zeitläufige Abartung mit allen ihren Wunderlichkeiten, dessenun-geachtet, zu einer bestimmten Gesammtfassung von entschiedener, wennauch nur mehr äusserlicher, sinnlicher Wirkung durchbildend, gelang eSihm der bloss „barocken“ Willkühr zu begegnen, sie zu einem eigent-lichen Styl, dem „Barock-Styl,“ auszuprägen.
Aber wie eben dieser „Styl* recht eigentlich in der Auflösung deswahrhaften, bindenden Kunstgesetzes beruhte, mithin zugleich der schaf-fenden Einbildungskraft den freisten Spielraum bot, war gerade auch er