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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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B. Geräth. Darstellungsform: Italien (16001700).

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besonders dazu angethan jede, auch noch so abenteuerliche Ausschweifungals stylgemäss zu begünstigen. Nicht lange nachdem Bernini seineebenso glänzende als allgemein gefeierte Laufbahn begonnen hatte, regtesich auch schon ein Bestreben es ihm möglichst zuvor zu thun. EtheSchranke gab es nicht. Und während die Mehrzahl seiner Nacheiferersich in schwächlicher Verirrung bis zu einer schwülstig pomphaften, meistvöllig widersinnigen Formbehandluug verlor, fand nun dies wiederumseinen bestimmteren, gleichfalls scheinbar geschlosseneren Ausdruck durchFrancesco Borromini (15991667). Was Bernini in rastloser Thätig-keit, durch äussere Verhältnisse begünstigt, als Bildhauer und Baumeister förderte, suchte Borromini , gestachelt von Ehrgeiz und Eifersucht, auf<fön gleichen Gebieten zu üjjertreffen, und zwar nun durch Aufwand jeg-licher Mittel. Bei weitem weniger befähigt als jener, und die Beding-nisse der Kunst lediglich in einem die Sinne ergreifenden, bloss über-raschenden Scheinprunk erkennend, glaubte er sein Ziel vor allemdurch eine dem Wesen der Sache gerade entgegen strebende, widernatür-liche Behandlungsweise, sowie durch ein Ueberhäufen von jedweder Artv °n Zierformen bis zu buntestem Gewirre, zu erreichen. Auch erfand, neben einer ausgebreiteten Bethätigung, eine vielseitige Aner-kennung, ja wurde selbst vom Könige von Spanien zu Rathe gezogenUfl d hochgeehrt, was denn Alles ihn nur um so mehr antrieb den RuhmSe mes Nebenbuhlers durch immer seltsamere Ausschreitungen thunlichstzu verdunkeln. Hielt sich Bernini , bei aller Geschmacksverirrung, immer-k'u noch auf einer gewissen Grenze classischer Ueberlieferung, ward8 °lche nun von Borromini , eben um frei von jeder Fessel selbstschöpferisch0ri ginal zu' erscheinen, insbesondere bei seinen Bauten verlassen und mitA-hsicht verleugnet. Unter irgend thunlicher Beseitigung der geraden Liniedarch die gebogene, geschwungene und durchbrochene, erhob er diese,'fl Verhältniss zu dem mässigen Gebrauche, welchen Bernini davonpachte, zu weit überwiegender Vorherrschaft. In völliger Ungebunden-e,t bediente er sich dieser Linie, gleichviel ob im Widerspruche mit derS'Vecklichen Bedeutung, sowohl zur Abgrenzung der Massen, wie nament-' c h zur Bezeichnung der wagerechten Gliederungen, der Gesimse undw >schenstäbe, als .auch, in senkrechter Verwendung, zur DurchbildungV ° n Bekrönungen, seitlichen Ausladungen u. A., und gelegentlich selbsta 8 Grundrissform. Jedes Mittel unbedenklich verwerthend, wenn es8e >nem Sinne nach nur glänzenden, schlagenden Erfolg versprach, griffebenso kühn in die Fülle der vorhandenen Verzierungsformen, auchlese mehrentheils, und häufig nach augenblicklicher Eingebung, ja nichtse föen in einer gleichsam krankhaft gesteigerten Ueberreizung, bloss zuau genfäHiger Wirkung übertreibend und umbildend. Fast jede Form0 und musste dem dienen: Säulen, Pfeiler und

musste dem

Weis »i KoBtümkunde. in.

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