Vierter Abschnitt.
Das Kostüm vom Beginu des achtzehnten Jahrhunderts bis auf
die Gegenwart.
Geschichtliche Übersicht.
Frankreich besass, bei aller Zerrüttung seiner staatlichen wiesittlichen Zustände, in seiner so vielseitig gesteigerten geistigen Entfaltungdas Mittel, seine Stellung als hervorragende tonangebende Macht zuwahren. Die kaum zu ermessenden Hülfsquellen des Landes, oder dochder Glaube an ihre Unermesslichkeit, kamen dem zu Gute. Es liess dieVornehmen Stände die tiefen Schäden weniger empfinden, und hot vorallem ihrem Mittelpunkt, dem Hofe, die Möglichkeit sich mit dem blen-denden Schein unerschöpflichen Reichthums zu umgeben. Kaum da esnach dem Tode Ludwigs XIV. (1715) dem leichtlebigen Philipp vonOrleans gelungen war sich als Vormund Ludwigs XV. der Regentschaftzu bemächtigen, begann auch in allen den Kreisen, welche dem Hofenäher standen, die von ihnen bisher zwangvoll beobachtete Frommthuereizu offenem Gegensatz umzuschlagen. Der Rückschlag entsprach demseitherigen Druck, verstärkte sich aber überdies nur zu bald an demnun völlig ungebundenen Verhalten des Regenten selber. Ausgestattetnüt ebenso vielen trefflichen als niedrigen Eigenschaften, fanden eben nurdie letzteren an seinem Minister, dem ruchlosen Cardinal Dubois und andessen Maitresse La Tencin viel zu eifrige Beförderer, als dass bei derSchwäche seines Charakters nicht sie hätten den Sieg davon tragensollen. Wie weit auch die Entsittlichung bereits um sich gegriffen hatteUnd wie schamlos sie sich auch äusserte, ward solches allgemeinere Ge-fahren nun doch durch die Orgien, welche jene für ihn veranstalteten,ünd denen er sich sehr bald ganz überliess, bis zum Aeussersten über-