1160 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.
B boten. In ihnen ward das Laster zum Zweck, die Fähigkeit zu einerSteigerung jeder erdenklichen Ausschweifung, wie die absichtliche Ver-nichtung jedes edleren Gefühls, zu einem beneideten Vorzüge, ja gleich-sam zu einer gesellschaftlichen Tugend. Und so auch, nicht ohne schnei-dende Selbstverhöhnung, bezeichneten ihre Theilnehmer sich selber als„Rouhs“ (Geräderte oder Rädernswerthe), zugleich rückhaltslos bestrebtsich dieser Bezeichnung auch öffentlich würdig zu erweisen. Doch auchsolche von oben herab zur Schau gestellte Entsittlichung, der sich dieTöchter des Regenten in gleicher Schamlosigkeit hingaben, reizte fort-während zur Nachahmung. Sie ergriff in Kurzem selbst die mittlerenKlassen, mm auch in ihnen jedes etwa noch lebendigere Gefühl für Wohl-anständigkeit vollends zersetzend. Allerdings fehlte es auch ferner nichtan einzelnen vornehmen Kreisen, wie denen der Larochfctucolt, Sully,La Vallüre , de Luynes u. A., welche sich solchem Treiben ferner hielten,noch an ehrbareren bürgerlichen Familien, die sich davor zu wahrensuchten, indessen war und blieb ihre Zahl zu gering, um auf den allge-meinen Zug wirksameren Einfluss ausüben zu können. Mit der wachsendenEntsittlichung, vorzüglich des weiblichen Geschlechts innerhalb der höch-sten und höheren Stände, fast durchgängig bis zur Vernichtung jederSpur von Weiblichkeit, ward die von beiden Geschlechtern schon seitherüberhaupt geforderte gegenseitige völlige Freiheit nunmehr gleichsam zueinem gemeingültigen gesellschaftlichen Gesetz erhoben, und jeder Wider-spruch dagegen nicht mehr bloss als engherzig, sondern als geradezuanstössig verlacht.
Wie die Entsittlichung, wuchs der Aufwand. So denn am Hoferasch dergestalt, dass die als unermesslich vermeinten Hiilfsquellen denndoch zu versiegen drohten. Da trat, wie vom Glücke gesandt, der imSpiel und Rechnen gleich gewandte Schotte John Law mit seinemVorschlag zur Einführung von staatlichem Papiergelde auf. In der vonihm errichteten Bank schien dem Regenten, wie aller Welt, das Mittelgefunden, sich ganz nach Belieben zu bereichern. Die Verschwendungging nun ins Maasslose, und alsbald auch fühlte sich Jeder, der sich vomHofe mitfortreissen liess dazu gedrängt, gleichfalls sein Glück zu ver-suchen, um ebenso schnell als leicht reich zu werden. Noch niemals hattein den vornehmeren Kreisen und, von diesen beeinflusst, in weiteremUmfange, mit der sittlichen Entartung auch die Vergeudung und derSchein des Reichthums eine solche Höhe erreicht, als zu der Zeit, daLudwig XV. (1723) den Thron bestieg.
Bei der dem jugendlichen Könige eigenen geistigen Schwäche undSchüchternheit war an eine etwaige Wandlung solcher Zustände durchihn selber nicht zu denken ; um so weniger als es dem elenden Herzogvon Bourbon gelang, sich ihm als Minister aufzudrängen, was vielmehr