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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

dagegen aufzutreten. Aber so eifrig er sich auch um die Einführung derAnwendung des Naturrechts in den Gerichtshöfen, um Abschaffung derTortur, der Hexenprocesse, und um Beseitigung des Aberglaubens anZauberei und Gespenster bemühte, und seine Ansichten darüber in seinerim Jahre 1705 zu Halle erschienenen SchriftDe tortura e foris chri-stianorum, proscribenda niederlegte, währte es dennoch überall bis überdie Mitte des folgenden Jahrhunderts, bis dass man sich in dem Punktezu einer Milderung verstand.

Auch in Betreff des B estattungsgeräths und der Weise derBestattung währte der herkömmliche Brauch noch ziemlich gleichmässigfort (S. 932). Abgesehen fast einzig davon, dass die Anwendung von(flachen) Särgen sich mehr verallgemeinerte, blieb es unausgesetztüblich die Leiche entweder so eingesargt, oder auch (ohne Sarg) nur inLinnen gehüllt, und mit demTrauertuche bedeckt, auf einer Bahre zurGruft zu tragen, eben auch ferner nur ausgenommen, dass Leichenhöchstgestellter, fürstlicher Personen in einem eigens dafür hergerichteten,,Leichen-Wagen befördert wurden. Anderseits aber nahm der Prunkin Ausstattung der Leichen an sich, sowie nicht minder der Bahre u. s. w.,nun auch in den mittleren Klassen, in nicht geringem Grade zu. Esunterlag mehrentheils auch dies, vornämlich nach den fünfziger Jahren,dem französischen Einflüsse. So vor allem in England und Deutschland ,hier selbst dergestalt, dass sich unter Anderen der würdige Michael Freudgedrungen fühlte in seinem Alamode-Teuffel (um 1682) auch dagegenkräftigst, wie folgt, zu Felde zu ziehen:Und damit ist nun der ver-fluchten Seele hiermit gantz nichts gedienet, dass man den hinter-lassenen Körper balsamiret, mit schönen Kleidern (und wanns auchgleich nach der neusten Französischen Mode seyn sollte) schmücket undzieret, mit stattlicher Pracht abhole, durch wolstaffirte Diener aus-traget, mit ansehnlichen Freunden und hoffärtiger Traurigkeit zumGrabe begleitet, mit der Harmonie der Music besinget, mit dem Klangeder Glocken betrauert, mit der Menge der Fackeln beleuchtet, in einschönes Gewölbe, mit vielen Ceremonien, sänftiglich beysetzet, dasGrabmahl aufrichtet, die Fahnen aufstecket, die Schild auffhencket u. s.

0 Blindheit! 0 rasende Unsinnigkeit, dass ein Mensch sich selbst, derverfluchten Hoffart wegen, in solchen erschrecklichen, ewigen JammerAngst und Noth stiirtzet!Denn Kleider-Pracht ist der rechte Sturtz-Karren zur Höllen.