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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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Geschichtliche Uebersicht.

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das Uebel nur noch vermehrte. Die Zerrüttung wucherte fort. So wares denn als ein besonderes Glück zu erachten, dass, als der Herzog demUnwillen des Volks weichen musste, der König an seinem ehrwürdigenLehrer, dem Cardinal von Fleury eine Stütze fand. Indessen, wenn-gleich dieser den Staat allerdings rettete, fast sämmtliche Zweige der Ver-waltung ordnete, auch durch Hebung des Handels und der Gewerbthä-tigkeit den bürgerlichen Wohlstand förderte, besass doch auch er, beiseinem hohen Alter, so manche Schwächen und Fehler, eben wiederumganz angethan den Aufschwung zu beeinträchtigen, seine Dauer zu ver-kürzen. Verderblich vor allem andern aber sollte dann das durch ihnmit begünstigte eheliche Zerwürfniss des Königs werden. Mochte dieHauptveranlassung dazu auch die Königin gegeben haben, würde beiseiner fast schüchternen Treue gegen sie eine Versöhnung immerhin nichtschwierig gewesen sein. Doch solche etwa herbei zu führen widersprachgerade der Absicht derer, welche das wohl vermocht hätten, als auchder zeitigen Anschauungsweise überhaupt. Jeder vielmehr, dem das bis-herige eheliche Leben des Königs als abgeschmakt galt, fühlte sich freu-dig überrascht als derselbe, seine Schüchternheit plötzlich ablegend, dieihm von Fleury selber empfohlene mehr gute als schöne Gräfin Mailly(1729) zu seiner Maitresse erklärte. So aber aus seinem Geleise ersteinmal gedrängt, verlor der König auch Maass und Ziel. Gleichwie zurUnthätigkeit und Langenweile geboren, suchte er fortan Reiz und Befrie-digung in stetem Wechsel. Schon im Jahre 1731 vertauschte er seine»geliebte Mailly gegen die Madame de Vintimille , und, abgesehenvon seinen vielen Nebenweibern, im Jahre 1741 jene gegen die HerzoginChateauroux ; beide Schwestern der Gräfin Mailly. Sich ganz den Wei-bern und dem verderbten Hofadel überlassend, ward er in eine Fluthvon schändlichen Vergnügungen gestürzt, die sein besseres Selbst ver-gifteten. Dass der Cardinal von Fleury versuchte, ihn, um ihn selbst-ständiger leiten zu können, in Versailles mehr abzuschliessen, machte dieSache nur noch schlimmer. Denn wie er sich nun heimlich nach Choisybegab, und seine ihm bereits unentbehrlich gewordenen Genossen nachhierhin berief, entfaltete ihr Unwesen sich daselbst völlig schrankenlos.

Nach dem Tode des Cardinais (1743) schritt das Verhalten im All-gemeinen, vornämlich aber der höheren Stände, unter stetigem Vorgängedes Hofs, in rascherem Zuge zu immer Schlimmeren. Zunächst allerdingsschien der Umstand, dass der König sich beim Ausbruch des spanischen Erbfolgekriegs, bewogen von der Herzogin \>on Chateauroux, an dieSpitze des Heeres stellte, einer Wendung günstig. Indessen, nachdemder König, von schwerer Krankheit genesen, im Jahre 1745 nach Paris zurückgekehrt war, begann er sein wüstes Treiben von neuem, fortannoch eigens unterstützt durch die schöne Frau dEtoiles, die er in eben