1162 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.
diesem Jahre auf einem Stadtfest kennen lernte, und auch gleich alsMarquise de Pompadour zu seiner Maitresse wählte. Sie, ebenso um-sichtig wie klug berechnend, dazu vor allem gewandt den beständig lang-geweilten König durch steten Anreiz zu unterhalten, verstand es sichihm unentbehrlich zu machen, ihn vollständig einzunehmen. Sich vonvornherein dem Hof gegenüber ganz ähnlich wie die Maintenon bewe-gend, erlangte sie dieselbe unumschränkte Macht, welche diese einst be-sessen hatte. Aber Ludwig XV. wollte anders genommen sein, als seingerade zur Zeit der Maintenon bereits hochbejahrter Vorgänger. Ebenvor allem bedacht ihre Stellung zu behaupten, liess sie sich denn auchvon Anbeginn, nochmehr aber seitdem der König den geschlechtlichenUmgang mit ihr aufgab, angelegen sein, lür die Befriedigung seinerWünsche und Begierden zu sorgen, auch selber ihm Weiber zuzuführenund als Maitressen zu empfehlen. Waren schon die in Choisy abgehal-tenen Gelage, die „petits apportements “ und „göttlichen Abendmählerzu wilden Orgien ausgeartet, wurden solche doch nunmehr durch einwahrhaft schändliches Serailleben weit überboten. Wonach den überreiztenSinnen des Königs irgendwie gelüstete, musste, gleichviel auf welcheWeise, herbeigeschafTt werden. Kein weibliches Wesen, sei es auch kaumden Kinderschuhen entwachsen, war vor seinem Anspruch sicher. Manbrachte es freiwillig oder gewaltthätig in dem um 1755 errichteten unddafür eigens bestimmten r parc au cerf“ unter, welcher allein dem Staatemehr denn hundert Millionen Franken kostete.
Während nun auch diese so bis zum Aeussersten getriebene sittlicheEntartung immer weiter um sich griff, und die damit auch sich gleichmässigsteigernde Vergeudung, die dann selbst den König zum Wucherer auf Kostendes Volks machte, jeden Wohlstand vollends untergrub, that Madame de Pompadour das Ihrige, das Land staatlich zu erschüttern. Nicht genugan den Unsummen und Tausenden von Menschenleben, welche der bereitsim Jahre 1754 ernstlich unternommene englisch -amerikanische Krieg zufordern drohte, konnte sie es in ihrer Eitelkeit der bloss leeren Schmei-chelei einer Maria Theresia nicht versagen, sich mit dieser (1756) zuverbinden, und das so schon morsche Reich nun auch im Kampfe mitPreussen einem voraussichtlich trüben Schicksal anheimzustellen. Kostetedoch dieser Schritt dem Staate, ausser dem Verluste an Menschen undvon nahe an hundert Millionen Franken, seinen alten Waffenruhm, derbei Rossbach geradezu mit Spott endete, überdies im Frieden zu Fon tainebleau (1763) die Abtretung seines Gebiets am Senegal , wie allerseiner Besitzungen in Nordamerika an England: Der Handel war damitso gut wie zerstört, das Land mit unsäglichen Schulden mehr belastet,und das Volk, hauptsächlich die arbeitende Klasse, einem auf die Folgekaum zu ertragenden Steuerdruck ausgesetzt.