Geschichtliche Uebereicht.
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Dies Alles indessen, selbst auch der Tod der Madame de Pompa dour (1764), änderte im Grunde nichts, weder im Gebahren des Hofs,noch in dem Getriebe der Staatsverwaltung. Dass die beständigen Reli-gionsstreitigkeiten die Unterdrückung der Jesuiten und schliesslich (1767)ihre Aufhebung herbeiführten, kam wohl der an sich vielseitig geför-derten Aufklärung zu Gute, vermochte jedoch an den einmal so tief zer-rütteten Zuständen eben auch nicht viel zu bessern. Der König aber,versumpft und abgestumpft, wurde nun vielmehr erst recht zum Spiel-ball seiner übermüthigen und verschwenderischen Maitressen, wie seinerschändlichen Umgebung überhaupt. Da nach dem Tode der Pompadoures der Herzog von Choiseul erreichte, alle Macht in sich zu vereinigen,und solche dann für sich und seine Schwester, die listige Herzogin vonGrammont, in erdenklicher Weise ausbeutete, auch der König gelegent-lich in Anwandlungen von Reue verfiel, und dann selbst wohl die Nei-gung kund gab sich wirklich zu verheirathen, fühlte die herrschende Par-tei sich nun noch um so mehr veranlasst ihn im gewohnten Taumel zuerhalten und vor allem wiederum an eine Maitresse zu fesseln. Freilichbedurfte es dazu jetzt, bei seiner nur noch schwer zu reizenden und kaummehr zu befriedigenden Sinnlichkeit, eines in solchen Künsten ganz be-sonders erfahrenen Wesens. Indessen ein solches Wesen zu finden, wareben nicht gerade sehr schwierig. Und als es nur erst einmal gelungenwar ihn zu bewegen, es mit dem verbuhlten Fräulein Lange zu ver-suchen, blieb dann auch nicht aus dass er sich für diese Dirne ent-schied, sie, nachdem er dieselbe zum Schein an den Grafen GuillaumeDubarry verheirathet hattS (1768), zu seiner Maitresse erhob, und ihrdie einst von der Pompadour bewohnten Gemächer überwies.
So entzückt der König sich über die neue Maitresse fühlte, so wenigfühlte diese sich geneigt hinter der Machtvollkommenheit ihrer Vorgän-gerin zurückzustehen. Bald hatte sie sich den Hof dienstbar gemachtund so auch, namentlich mit dem von ihr herbeigeführten Sturz desHerzogs von Choiseul (1770), völlig freies Spiel gewonnen. Was amHofe und in den von ihm beeinflussten Kreisen noch irgend zu verderbenwar, ward nun durch sie und ihre Creaturen zu gänzlicher Fäulniss ange-steckt. Das Bewusstsein unter der unumschränkten Macht einer öffent-lichen Dirne zu stehen, und unter einem solchen Könige, ertödtete inrasch fortschreitendem Umfange auch den letzten Rest jedes Gefühls zumBesseren. Die äusserste Entsittlichung wurde geradezu Modeton, dasLaster nicht mehr blos aus Gefallen daran, sondern lediglich seiner selbstwillen geübt, und ebenso auch die Verschwendung betrieben. In demletzteren Punkte aber wusste die Maitresse selbst die Pompadour nochzu überbieten. Bei den maasslosen Summen, welche sie für sich bean-spruchte, und denen, welche allein der Unterhalt der bisherigen Maitressen