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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1164
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- 1164 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

und Nebenweiber des Königs verschlang, stieg die Vergeudung derStaats-gelder, noch vermehrt durch die Günstlinge des Hofs, die zum Theil wied.er Herzog Dubarry fast willkürlich darüber verfügten, als auch durchdie Minister, die nicht minder für sich sorgten, bis zu unerschwinglicherHöhe. Um Geld und immer Geld zu schaffen ward das Volk, der mitt-lere und niedere Stand, in jeder Weise ausgesogen. Und während es imElend verkam, ja vor Hunger zu Tausenden hinsiechte, und auch unge-achtet es seine Stimme bereits mehrfach bedrohlich erhob, begünstigteder König selber, als eifriger Kornwucherer, eine künstliche Steigerungder Getreidepreise, die Erzeugung von Theuerungen. Dem allen aberspotteten die Vornehmen, der Hof an der Spitze, durch unbegrenztenPrachtaufwand. Dazu kam die vom Kanzler Meaupon gewagte Aufhe-bung des Parlaments, der letzten Stütze der Volksfreiheit, so wie dessenErneuerung durch Berufung von lauter Creaturen des Kanzlers, was demStaate wiederum mehre hundert Millionen kostete; ausserdem die Will-kühr geheimer Verhaftsbefehle, der lettres de cachet, auch überhauptnoch so zahlreich andere Missstände, also dass Frankreich beim AblebenLudwigs XV. (1774) abermals dicht am Abgrunde stand.

Aber wie die sittliche Zerrüttung sich in den äusseren Verhältnissenauch zunehmend schneidiger, bis zu dem Punkt offenbarte, vermochtesie eine geistige Fortentfaltung nicht zu hemmen. Die Schwächeund Schändlichkeit der Regierung, die bodenlose Wirthschaft des Hofsund seiner Anhänger, drängte die übrigen Stände vielmehr dazu, sichim Geiste zu befreien, jeder Fessel zu cntschlagen. Was die Wissen-schaft seither mehr ihrer selbst wegen gefördert, begann sich zu verall-gemeinern y und was nunmehr ausgezeichnete Geister wie Diderot , Vol­ taire , Rousseau , dAlembert , Duclos, Cordillac u. A. theils ebenso tief-sinnig und kühn, als scharf und blendend mittheilten, drang in immerweitere Kreise, wenn auch vielfach verwirrend, doch überall anregendund zuspitzend. Gegenüber dem wüsten Treiben der vornehmen Welt,bildeten sich in den mittleren Ständen zahlreich Gesellschaften von Ge-lehrten zu gegenseitigem Ideenaustausch. Die Frauen standen nichtzurück, wie denn unter anderen die Geliebte dAlemberts, die geistvolleJulie de l'Espinasse selbst ein solchesbureau desprit um sichzu versammeln und zu fesseln wusste. Freilich wie es mit der Gesell-schaft im Allgemeinen, mit ihrer sittlichen Anschauung und Rich-tung stand, zweckten auch diese Kreise kaum auf eine etwa tiefereVeredlung von Herz und Gemüth, als vielmehr auf Schärfung des Ver-standes und die Ausbildung einer eben dadurch bedingten Form ab.Auch brachten sie anderntheils mit sich, dass nun Jeder gern als geist-reich erscheinen wollte, mithin zugleich dieSchöngeisterei und eineblosse Scheingeistigkeit. Kein Gebiet der Wissenschaft blieb in der