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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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Geschichtliche Uebersicht.

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Bei allen den Parteikämpfen war es für das Gemeinwohl immerhinnoch glücklich genug, dass sie sich fast lediglich innerhalb der höchstenKreise vollzogen und auch wesentlich darauf beschränkten. Hinsichtlichder inneren Verwaltung als solcher erwies der Reichsrath sich ja durch-aus nicht unthätig, sondern blieb von vorneherein bestrebt sie in ihrenverschiedenen Zweigen thunlich zu fördern, wie denn auch durch Wieder-belebupg des Handels und der Gewerbthätigkeit den Wohlstand im Ganzenvon neuem aufzubessern. Die dem Volke eigene Zähigkeit und Arbeits-kraft kam dem überdies entgegen. Und wenn der durch Karl XII. herbeigeführte Nothstand auch weder so bald, noch, vor allem bei denarbeitenden, mittleren und niedereren Klassen, überhaupt durchweg aus-zugleichen war, erhielt die Menge allmälig doch abermals Raum sichwieder erfolgreicher bethätigen und zunehmend neue Mittel erwerbenzu können. Die Lebensform an sich ward von dem Allem kaum be-troffen. Wie vornämlich unter den gebildeteren Ständen seit lange fran-zösirt, blieb sie auch in ihrer Fortgestaltung dem französischen Vorganggetreu, sich stetig weiter ausbreitend.

Der Klarheit, mit welcher Gustav III. (17711792) die Verhältnisseüberschaute, sowie insbesondere der geist- und kraftvollen Weise, inwelcher er als Kronprinz seiner königlichen Würde vorgearbeitet hatte,verdankte er denn nun nicht allein die volle Erneuerung der Verfassungvon 1680 (S. 964), und eben damit auch die Wiederherstellung des vollenAnsehens der Königswürde, sondern auch, zumal bei der weisen Mässigung,die er dessen ungeachtet beobachtete, dass der ihm widerstrebende Adelsich folgende seiner Macht selber berauben sollte. Vor allem auf einekräftig durchgreifende Hebung des Gemeinwohls sorglichst bedacht, gaber diesem durch Verbesserung der Rechtspflege, Abschaffung der Folter,Förderung des Ackerbaus, Bergbaus, der Finanzen, des Handels- undGewerbfleisses, der öffentlichen Wohlthätigkeit, sowie durch Steuerungeines nun auch wiedererwachenden Aufwands, einen vordem nicht ge-ahnten Schwung. Doch obschon auch dies und seine Leutseligkeit ihm dieUiebe des Volks erwarben, und er auch dem Reiche, noch eigens gestütztdurch seine Ordnung und Vermehrung der Kriegsmacht, wieder zu höheremAnsehen verhalf, was ihn denn freilich den Gegenbestrebungen des Adelsgegenüber festigte, sollte auch er dem Wechsel des Schicksals nichtentgehen. Misswachs und Theurung, welche das Land trafen, reichtenhin beim grossen Theil des Volks, a'ngestachelt vom Adel, den heftigstenUnwillen gegen ihn zu erregen, und so jener Partei in die Hand zu ar-beiten. Mit allem Eifer ging sie ans Werk. Aber so kühn und gewandt®ie sich auch bewegte, ja auch ungeachtet dass sie dann in dem gegenKussland gerichteten Kriege (1786) die adligen Anführer selbst zur Ver-weigerung des Gehorsams und Anstiftung von Meuterei veranlasste, und