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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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Geschichtliche Uebersicht.

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Ziehung und Begünstigung geschickter Ausländer eine ferner wirkendeTriebkraft, sondern auch durch den schon nach drei Jahren (1780) er-folgenden Ersatz des an sich wenig befähigten Czaren durch dessenBruders-Tochter Anna (bis 1740J verstärkten Schwung. Nicht alleindass Anna selber, ohne sich an die ihr auferlegte Wahlcapitulation zubinden, auf den gewonnenen Bahnen beharrte, fand sie auch an einzelnenMännern, wie Miinmch, Ostermann, Biron u. A., ungeachtet deren Fehlerund trotz der Sittenrohheit des letzteren, welchem sie indessen ganz ver-traute, eine wesentliche Stütze. Auch dass Biron nun, als der Allmäch-tige, gleich wieder die Dolgorucki verdrängte und fortan unumschränkt schal-tete, war doch ebenso wenig wie jener Umstand von etwa tiefer greifendem,hemmenden Einfluss auf das Ganze. Ueberhaupt aber brachte das Bünd-niss mit Persien gegen die Türkei , und die folgenden Kriege mit denTürken (seit 1736), wie besonders der glückliche Umschlag in dem zweitenFeldzuge (17371740), neben sonstigem Gewinn, dem Handel abermalsgrossen Vortheil, während zugleich die Wirren in Polen nach dem TodeAugusts II. ein geeignetes Mittel darboten, nach dorthin Einfluss geltendzu machen.

Doch gleichwie die unumschränkte Gewalt, welche Biron ausübte,und die Weise in der er sich nach dem Ableben der Kaiserin (1740) alsVormund des erst einjährigen Ivans J1I. ankündigte, ihm denn schonnach wenigen Wochen seine Freiheit kostete, sollte nun aber auch durchdie damit verknüpften Wirrnisse, zufolge der daraus hervorgehendenErhebung Elisabeth Petroumas (17411762) dem Reiche selber ein Rück-fall droben. Rohsinnlieh bis zum Aeussersten, schwelgerisch bis zur Un-mässigkeit, den Staatsgeschäften sich abwendend, überhaupt nur ihrenTrieben bis zur Zügellosigkeit folgend, galt der Czarin auch die Ver-waltung als einzig ihretwegen da. Dass es glückte, die gegen sie ge-richtete Verschwörung zu unterdrücken (1743), machte die Lage nur nochschlimmer. Ebenso ihr lediglich von persönlichem Hass veranlasstesBündniss mit Oestreich gegen Preussen (1744) durch die daraus sichergebende kostbare Heeresrüstung (1744) und den vieljährigen Krieg mitPreussen (seit 1757), was eben auch alle sonstigen Interessen in denHintergrund drängte. Während unter beständiger rücksichtsloser Ver-wehrung von Steuern der allgemeine Wohlstand entsetzlich litt, undv on Oben herab gefördert die Entsittlichung stetig wuchs, geriethen auchMle gedeihlichen Anstalten und Einrichtungen, insbesondere auch die Fi-nanzen, zunehmend in Verfall. Zwar wurde dem Reiche ganz Finnland gewonnen, indessen wie gross auch der Gewinn war, konnte er dochdem gegenüber in keiner Weise entschädigen.

Um diese Zustände wieder zu heben, hätte es wohl wiederum einesPeters 7. bedurft. Aber der nunmehrige Erbe Peter III. war solche

Kostümkunde. III. 76