1202 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.
Kraft nicht, obschon er selber sich dafür hielt oder sich doch eifrig be-strebte Peter I. nachznahmen. So auch voller Begeisterung für das Vor-gehen Friedrichs 11. von Preussen, musste denn freilich wohl die Weisein welcher er, den zeitigen Grad der Bildungsfähigkeit seines Volks miss-kennend und weit überschätzend, dem Uebel durch ein sich fast über-stürzendes allseitiges Eingreifen wie mit einem Schlage zu helfen suchte,den eigentlichen Zweck verfehlen. Konnten seine Aufklärungsversucheim Volke keinen Bodeii finden, musste ihm andererseits die Schroffheit,mit der er die Rechte der Geistlichkeit und des Adels schmälerte, wiedie Raschheit mit welcher er einen grossen Theil der Truppen nachpreussischem Vorbild regelte, die Abneigung dieser Stände zuziehen.Und ebenso rasch, wie er verfuhr, traten diese ihm in den Weg, gleich-wie seinen Unmuth steigernd, auch seinen Sturz, nun im Verein mitseiner Gemahlin Catharina Alexiewna beschleunigend. — Trotz alleinhatte Feier III. während seiner kaum einjährigen Regierung (1761)manche Missbräuche abgeschafft und so manche Verbesserungen einge-leitet.
Wie ganz anders dagegen vermochte nun freilich Catharina als Ca tharina II. (1762—1796) die Dinge zu bewältigen. Thatkraft, Kühnheit,Festigkeit, Klarheit und Schärfe des Verstandes, Feinheit und Geschmei-digkeit, überhaupt alle Eigenschaften zu einem ausgezeichneten Herrschcr-thum in seltenem Maase in sich vereinend, besass sie zugleich die höchsteGewandtheit dies vollauf zur Geltung zu bringen. So gleich von Beginnan unbeirrt im Geiste ihres grossen Oheims Friedrich II. in jeder Rich-tung selbstthätig vorschreitend, stellte sie nicht allein alsbald die gestörteOrdnung wieder her, vielmehr überall anknüpfend an die MaassnahinenPeters 1. führte sie dessen begonnenes Werk seinem Abschlüsse entgegen)es überdies theils selbstschöpferisch, theils mit weiser Zuhülfenahine hei-mischer und fremder Kräfte vielseitig erweiternd und ergänzend. Gleich-massig bedacht wie auf stetige Verbesserung der Ordnung aller Regie -rungszweige, auf die gedeihliche Fortentfaltung der wissenschaftlichen undKunst-Anstalten, des Schulwesens, der Armenpflege, des Bergbaues, derGewerbthätigkeit und, so insbesondere durch Erweiterung von Handels-verträgen, des inneren wie des äusseren Handels, erreichte die innereVerwaltung allmälig, bei einer Zunahme der Finanzen von dreissig aufsechszig Millionen Rubel, wie nun auch der Zustand im Allgemeinen,eine vordem nicht geahnte Höhe. Doch auch ebenso erhob sie das Reichin rein staatlicher Beziehung sowohl durch den wachsenden Ruhm seinerWaffen, als auch durch Vermehrung seines Gebiets. Unter Erhöhungallein seiner Landmacht auf 450,000 Mann, zog es fast aus allen Kriegen,so namentlich aus den mit den Türken (1768—1774; 4787—1791), dochauch aus dem schwedischen Kriege (1788—1790) trotz der in ihm 211