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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1210 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

Auch wurde es damit üblich die zu ihrer Befestigung dienenden Knie-bänder (jarretieres) von Goldstoff, und deren Knopf oder Schnallevon zierlicher Goldarbeit zu tragen. Die Anwendung der englischenGamaschen aber (um 1739) war einstweilen noch, wie der Winter wel-cher sie veranlasste, ohne weiteren Bestand.

Als Fussbekleidung blieb der Schuh mit den Seitenlaschen undder Spannschnalle vornämlich für den alltäglichen, wie den gesellschaft-lichen Verkehr fast ausschliesslich in Geltung, doch nun durchaus vonschwarzer Färbung mit beträchtlich verkürztem Hacken.

Einen grösseren Wechsel erfuhren die Haartracht und die Kopf-bedeckung. So, was die Haartracht anbetrifft, wurden schon baldnach dem Ableben Ludwigs XIV. die überlangen (Wolken-) Perrücken,wenigstens mit einzelnen Standesausnahmen, durch verschiedentliche Per-rücken von bedeutend massigerem Umfange ersetzt, und überdies nunder Gebrauch des Puders, wie mit einem Schlage ganz allgemein-Einer besonders günstigen Aufnahme und rascheren Verbreitung erfreutensich zunächst ziemlich gleichmässig gerundete ringsum gekräuselte Locken -gehäuse, einfach oder zu den Seiten und rücklings mit längeren Locken,deren seitliche Locken (fcices) jedoch die Schultern nur weniges über-ragten (Fig. 889 a b). Dazu führte gleich Philipp vori Orleans die inPreussen durch Friedrich Wilhelm I. aufgebrachte Anordnung ein, dasHinterhaupthaar zu einem Zopf -zu binden, welche Weise zwar wenigAnklang fand, dennoch aber veranlasste dass man nun diese Haarmassein einem viereckten Beutel (crapaudbourse), gemeiniglich von schwar-zem Taffet, verrriittelst einer Bandschleife einschloss. Auch blieb es dannallerdings nicht aus dass Einzelne die Zopftracht vorzogen, Andere abernoch weiter gingen und dies Haar theils zu zwei Zöpfen (queues),theils, durch einfaches Aufbinden, zu einer oder mehren flachen Strehnengestalteten. Zu dem kamen, mehrentbeils unter Mitverwerthung solcherFormen wie insbesondere des Haarbeutels, und neben den vereinzeltimmer noch fortbestehenden Perrücken in-folio, selbst für die verschie-denen Stände je eigens gebildete Perrücken gleichsam als Standes-Symboleauf. So unter anderen bezeichnete die höchsten und höheren Behördenund was sich, wie die Geistlichkeit, das Ansehen von Würde zu gebensuchte, ausser der alten Perrücke. in-folio diecarries oder laSartine die Aerzte dieä trois marteaux die Adeligen und sonstigenVornehmen die perruque ä circonstance die Soldaten dieä la bri-gadiire und die Bürger die ä boudins, noch weiterer Benennungenzu geschweige]!. Ueberdies aber tauchte, eben in Folge dessen, etwa seitAnfang der vierziger Jahre allmälig wiederum der Gebrauch des Eigen-haars auf, obschon auch nun stets in einer der Zeitform entsprechendeingehaltenen Gestaltung sammt der damit als unerlässlich verbundenen