Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
1217
JPEG-Download
 

A. Tracht. Frankreich . Kleidung der Weiber (1700—1750). 1217

nur darauf bedacht dem Könige zu Gefallen zu leben, auch selberErfinderin von mancherlei kostbaren Einzelheiten, kannte darin keineGrenze, nun aber eben die vornehmen Kreise und, von diesen ausmittelbar, die Gesellschaft überhaupt zu ähnlicher Maasslosigkeit bestim-mend. Es betraf dies gleichmässig, wie die Gewandstoffe an sich undderen verzierende Ausstattung, sowohl die eigentlichen Schmuck-gegenstände, als auch die blossen Verschönerungsmittel. Vondiesen behaupteten sich die Schönpflästerchen („mouches“), und inerster Reihe, nächst dem Puder, die weisse und die rothe Schminke.Her letzteren bedienten die Damen sich fortan meist im Uebermaass, was zudem gepuderten Haar nur um so entstellender wirkte. Geradezu davonangewidert, schrieb im Jahr 1730 Lady Monlagu aus Paris : „Ichsah einige, welche unter den französischen Damen für Schönheiten galten.Sie sind in Wahrheit abgeschmackt, sowohl durch die Art sich zu setzen,als auch durch die Schminke, womit sie ihre Züge überdecken. Ihreauffrisirten Haare gleichen einer weissen Wolke, und mit ihren feuer-farbenen Gesichtern haben sie selber nicht menschliches Ansehen, sonderndas von abgehäuteten Kälbern.“ Demgegenüber verlor sich gleich an-fänglich der (alltägliche) Gebrauch der Gesichts-Masken. — Die be-sonderen Schm uckgege n stände bestanden, im Ganzen vielfach wie vorm Halsschniiren von Perlen und Edelsteinen, hauptsächlich Granaten,■Arnispangen, Fingerringen und, als gewissernvassen neu, in Stern- oderbüschelförmigem Diamantschmuck {„girandole “), in goldenen mitSteinen besetzten Uhren, grossen Sträussen („bouquets ä droit“), inkurzen und langen Handschuhen, gemeiniglich von Seidenfilet, Ta-s chentüchern, Muffen und Fächern; letztere fast ausschliesslichhalbkreisförmig zum Einfalten, zumeist mit sauberen Malereien, wie Land-schaften, Genien, ländlichen und hüusslichen Liebesscenen, auch nichtselten mit Darstellungen von iiusserst schlüpfrigem Inhalt, bisweilen vonbewährten Künstlern oder doch nach Vorbildern von solchen, wieA. Watteau, F. Boucher u. A., geschmückt.

Für das Haus kamen allmälig alsMorgena nzug für die Männer' an ge kaftanartige Ueberkleider von farbiger Seide, Sammet u. dergl.,v °rn, zum Schliessen, mit breiten Bändern, die später sogenannten „Schlaf-röcke,“ und hohe, fast ballonförmige, bunt bebänderte („Schlaf-) Mützen“auf; fü r die Weiber ähnliche Uebergewänder, doch zumeist von feinem^eisszeug mit mehrfachen Randbesätzcn von Krausen oderSpitzcnwerk.Auch begann für beide Geschlechter als ein Hauptgegenstand dese 'gentliehen Toilettenbedarfs der Puder- oder Frisir-Mantel, ge-w öhnlich von feiner Leinwand, seine Rolle zu spielen. —

So verblieb es im Allgemeinen bis um die Mitte des Jahrhun-der ts, und rücksichtlich des Gesammtgepräges an sich noch länger dar-Kostümkunde. III. 77