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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1232 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

Theil, wie insbesondere die Baumwollen- und Linnenzeuge, in mannig-fachst wechselnder Kleinmusterung. —

Die Anordnung des Haarputzes 1 hielt mit dem Ganzen ziemlichSchritt. Sich bis zu Anfang der siebenziger Jahre gemeiniglich noch inden bestehenden, bescheideneren Formen fortbewegend, diese seit 1765fast einzig durch Zurückstreichen des Stirnhaars und eine Doppelreihevon einigen kurz-walzenförmigen Hinterhauptlocken vermanigfachend, be-gann sie seit 1770 sich zu heben, dann aber mit der Wiederaufnahmedes Reifenrocks (seit 1775) auch gleich zu einer dessen würdigen Un-förmlichkeit empor zu wachsen. Schon vordem hatte die Behandlungder doch an sich nur einfacheren Frisuren die Thätigkeit der Haar-künstler in beständiger Spannung erhalten, ja theilweis derart in Anspruchgenommen, dass unter anderem Monsieur Daye , der Coiffeur der Madamede Pompadour , sich ein Vermögen von 200,000 livres Einkünften erwarb;von nun an aber stellten sie selber an sich die besondere Aufgabe, AllesDagewesene im vollsten Maasse zu überbieten, sich geradezu als Bau-künstler zu erweisen. Bereits in 1775 wuchs das Toupet bis zu einemFuss, schon nach kaum einem Jahre aber stieg es auf das Doppelte,und hiernach nun in stetiger Zunahme, bis zu Anfang der achtziger Jahreeine Durchschnitthöhe erreichend von drei bis vier Gesichtslängen, nichtselten bei einem Gesammtinhalte der achtfachen Grösse des Kopfs. Umsolchen Aufbau herzustellen und ihm Festigkeit zu geben, wurde da^lange Eigenhaar durch besondere, mit Draht oder Fischbein gesteifteKissen unterstützt, durch schwerflüssige Pommade verstärkt, und über-dies durchaus gepudert. In der Weise nun ward es anfänglich rings vonder Stirn aus nach den Seiten hin leicht wellig, nach oben zu einer vorneingezognen und dann rundlich ausladenden glatten Masse weggestrichen,seitlich zu losen Busenlocken, und rücklings oben zu mehren schrägenoder wagerechten Lockenwülsten, mit nach unten daraus hervorciuellendemfreier gelocktem Hinterhaupthaar („ä la conseillere“) angeordnet. DieseForm blieb als Grundform stehend, auch erfuhr dann wesentlich nurnoch in sofern einen Wechsel, als gelegentlich das Ganze, statt vornausgeschweift, gerader abfallend beliebt wurde, der „ chignon“ sich er-weiterte, auch wohl neben, zwischen oder unter den umlaufendenLockenwülsten eine oder mehre Flechten 'erhielt, frei nach oben aufge-nommen, und dass das loser behandelte Seiten- und Hinterhaupthaarsich gleich den übrigen Lockenwülsten walzenförmig zusammenzog (vergl.

1 Vergl. bes: Recueil General des Coeffures de Paris, ä Paris et so trouveä Berlin ehez Joachim Paule. 177t). Dazu in: J. G. Ivrünitz. Oekonomisch-technologisehe Encyklopädie u. s w. Bd. XLIV. S. 70: Artikel „Kopf-Putz,“begleitet von nahe an 200 bildl. Darstellungen.