Buch 
3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
Entstehung
Seite
1238
JPEG-Download
 

1238 IV. Das Kostüm vom Beginn des 1*8. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

Uebergewicht der Jacobiner über die gemässigteren Girondisten, seinund des Staats Schicksal besiegelt. Die alsbald beginnenden Kriege mitdem Auslande, von ersteren sehr erwünscht, thaten das ihrige dazu.

War das äussere Verhalten von den bisherigen Zuständen nur mehrvereinzelt berührt worden, unterlag seit dem Jahre 1791 denn auchdies, wie eben vorwiegend seit der zweiten Zurückführung des Königs indie Tuillerien, dem Einflüsse des Verlaufs der Dinge zunehmend ent-schiedener. Der Hof, obschon bereits seit dem Jahre 1789 auf sich engerzurückgezogen, spielte seine Rolle dennoch damit erst thatsächlicli aus.Von da an erst erlosch vollständig seine Tonangeberschaft, während dergemeinsame Zug nun um so heftiger zu einer Befreiung aus den beste-henden Formen drängte. Die Folge war eine sehr willkülnliche, dochdurchgängigere Vereinfachung, und die Wiederkehr melirer Natürlichkeit.Es äusserte dies sich in Betreff der Kleidung vor allem beim weiblichenGeschlechtc, das freilich auch in dem Punkte zumeist ausgeartet war,jedoch auch gleich in einer dem Bau des Körpers entsprechenderen Be-handlung, ja mehrentheils selbst zu höchst anmuthiger Zierlichkeit undEleganz (s. unten).

Aber je höher die Sturmfluth sich erhob, je tiefer sie den Schlammaufwühlte, um so schneller auch wurden diese Formen wieder getrübt, insteigender Willkühr theils überboten, theils geradezu gegensätzlich aufge-hoben. Schon bald, so wirkte auch die inzwischen angewachsene Geltungdes Pöbels wesentlich darauf zurück, sie theils zu niederer Wüstheit verkeh-rend. So als bei dem von der Gironde im Jahre 1792 angefaehten Auf-stande die zahlreich dazu gedungenen Galeerensklaven aus Marseille inihren rothen Filzmützen auftraten, fanden diese Mützen sofort, zugleichnun als Abzeichen der Jacobiner, allgemeinere Aufnahme. Es war aber dieseben nur der Anfang zu noch weiterer Verwilderung. Schon um nur wenigeWochen später, wie dann nach der Erstürmung der Tuillerien und der Ge-fangennahme des Königs vorzüglich, eilte Alles was sich zum Pöbel hieltoder doch für gerathen erachtete als zu ihm haltend zu erscheinen, sichihm äusserlich ebenbürtig, mit dem Kittel, der „houppelande,“ oder dergroben (Jacobiner-) Jacke, der „ carmagnole mit langen grobleinenenBeinkleidern, Holzschuhen und der rothen („ phrygischen “) Mütze oderdem hohen runden Hut nebst daran befestigter dreifarbiger Gocarde zubekleiden, zugleich mit Entsagung der Bepuderung und jeder auffällige 11Sauberkeit. Andere, so mehre jüngere Männer vereinten sich zur Ein-führung einer „ phrygischen “ Tracht, bestehend aus weissen Tricotbein-kleidern, kurzem blauem Schultermantel, und derselben rothen Mütze;während die Weiber theils ähnlich verfuhren, sich zumeist ebenfalls ineiner durchaus unansehnlichen Kleidung, wie „en neglige“ bewegten.

Freilich war ein solches Gebahren wesentlich auf Paris beschränkt,