1248 IY. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.
die Mitte des Jahrs 1793 nahezu ihren Abschluss erreichte. Mit Aus-nahme hochbejahrter Männer und solcher, die der herkömmlichen Weisein besonderer Absicht auch ferner anhingen, löste Jeder die „ailes dupigeon,“ sowie auch den Haarbeute] oder Zopf zu voller Freiheit auf,mehrentheils zugleich mit Beseitigung des Puders. Aber nicht Jeder be-gnügte sich das Haar nun bloss schlicht zu tragen. Während die Einenallerdings es nur einfach, bescheiden, bis zu den Schultern ordneten,Hessen es Viele, nach dem Vorgänge des renommirenden Stutzerthumsnamentlich seit 1795, übermässig wachsen und längs den Wangen nachvorn, gegen die Brust hin, zu den eben von jenen Stutzern beliebten„oreilles de chien“, ziemlich wiist herabfallen. Nur schwer freilich wolltedas Auge sich von der Bepuderung entwöhnen. So auch vielfach bei-behalten, und dann von den „Thermidorianern“ ausnehmend begünstigt,wurde sie dann auch für die Zeit dqs Directoriums (1794 bis 1799) aber-mals ziemlich allgemein, jedoch auch bald danach, seit Begründung desConsulats, wieder um so weniger beliebt. Den Anstoss hierzu gab Na-poleon selber, indem er es allmälig vorzog ungepudert zu erscheinen.Doch auch die Anordnung im Ganzen sollte nun, nicht minder durch ihn,einen Wechsel erfahren. Wohlweislich darauf abzielend, wo möglich jedeErinnerung an den revolutionären Freiheitsschwinde] zu beseitigen, ver-anlasste er, wie eben durch sein eigenes Erscheinen, zunächst das gänz-liche Verschwinden der langen „oreilles de chien,“ und demnächst die raschzunehmende Verbreitung einer durchweg kunzen, von den Schläfen aushinter den Ohren fort nach rücklings schlicht gestrichenen, nur bis zumNacken reichenden Frisur. Anderseits aber griff er auch auf die roya-listische Puderfrisur nebst Haarbeutel zurück, diese nun als Staats-tracht begünstigend, was denn allerdings auch wiederum mit sich brachte,dass zugleich auch diese, wie denn insbesondere von den gewohnheits-mässigen Anhängern des „annenne regime ,“ von neuem zu melirer Gel-tung gelangte. Auch hielten immerhin Viele fortdauernd, mit be-sonderer Vorliebe, an der langen Zopfruthe fest. — Der Bart erlag einst-weilen noch durchaus dem Scheermesser.
Von den Kopfbedeckungen suchten, im Verein mit der Frisur,vor allem der dreieckige und der hohe runde Hut einander denVorrang ahzugewinnen. Der Kampf war ein äusserst hartnäckiger. Wäh-rend der hohe runde Hut erst mit der freien Anordnung des Haars, alsdafür zumeist passlich erachtet, weitere Aufnahme fand, gelang es demdreieckigen Hut, abgesehen von der Soldatentracht, der er zum Theilständig verblieb, sich zur Puderfrisur vorzüglich zu behaupten. So abersetzte sich der Streit beider bis in die Zeit des Consulats ohne eigentlicheEntscheidung fort, sich aber dann allmälig mehr auf die Seite des rundenHuts hinneigend. Das Consulat selber begünstigte einerseits, gleich wie