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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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B. Geräth. Handwerk nnd Maschinenwesen, im Allgem. (17001815 ff.). J33J

Durch die Dampfmaschine nun, zumal seit ihrer Durchbildunggegen Ende des Jahrhunderts, erhielt die Gewerklichkeit einen völligneuen Boden. Nicht zu gedenken des vorerst noch kaum zu ermessendenEinflusses, den sie in ihrer Ausgestaltung seit dem Jahr 1804 als Land-und Wasser-Locomotive auf das Leben überhaupt auszuüben berufenwar, gewährte sie bei nicht geahnter höchster Steigerung von Kraft,deren nun feste Regelung. Was die Hand eines Einzelnen nur mühe-voll und langsam zu fertigen vermochte, das konnte jetzt mehrenthcilsdurch sie geradezu wie mit einem Schlage vielfachst gleiclimässig be-schafft werden. Freilich war solche Massenerzeugung auch eben nurMaschinenarbeit. Die Kunst hatte hiermit nichts mehr zu thun, undauch das Handwerk trat dem gegenüber tiefer in den Hintergrund.Doch wie die Ansprüche an das Leben im Allgemeinen sich steigerten,der Bedarf von Gebrauchsgegenständen fast mit jedem Tage sich mehrte,mithin die Geldmittel auch sich theilten, fand eben denn gerade solcheErzeugung die abseitigste Förderung. So aber erwuchs die Dampf-maschine im Dienste der Gewerblichkeit gleichsam zu einem,gewal-tigen tausendarmigen Arbeiter, der, auch trotz massenhafter Verfertigung,alle seine Erzeugnisse, wenn schon ohne Wissen und Kunst, doch mitvollkommener Sicherheit dem jedesmaligen Zwecke gemäss, ja selbst auchbei steter Neuheit derselben am billigsten zu liefern vermag, nnd esauch den minder Begüterten ermöglicht sich mit vielen, ihm bisher ver-sagten Bequemlichkeitsmitteln zu umgeben. Ebenmässig mit derMechanik wirkten auf die Gewerbe im Ganzen die Fortschritte derNaturwissenschaft, wie insbesondere der Chemie, vielseitigst förderndzurück; letztere vor allem seit den Forschungen des Mediciners Georg Stahl (16601734) und den zugleich auf das Praktische gerichtetenUntersuchungen des Chemikers Laurens Lavoisier (17341794).

Im Uebrigen ward die Handarbeit noch immer mit grosser Ge-wandtheit geübt, und vorzüglich in technischer Hinsicht, in Behandlungjedwedes Stoffs, vielfachst Ausgezeichnetes geleistet. Auch dies freilichverminderte sich unter Zunahme des Maschinenwesens, jedoch wesentlichnur derart dass es sich mehr und mehr auf bestimmte, sich immerenger begrenzende Kreise, auf die nunmehr sogenanntenKunst-Hand-werker zusammenzog. Sowohl in dem Punkte, als auch besonders inBetreff der Zweckmässigkeit und Neuheit der Gegenstände an sich, wur-den fortan aber die darin so berühmten niederländischen und deut­ schen Städte, wie Antwerpen , Brüssel, Gent und Brügge , Nürnberg ,Augsburg , Ulm u. a., zunächst von Frankreich , und seit der Mittedes Jahrhunderts, nun zugleich auch Frankreich selber, von Englandweithin überholt. Nirgend so wie hier rastlos vorschreitend in Vervoll-kommnung und Verfeinerung nicht allein der Waaren des Luxus, viel-