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Auszug aus einem Exposé über die Organisation des gewerblichen Unterrichts in Österreich
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Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.

Was es aber sagen will, wenn gerade in eine Zeit des schrankenloser als jeentfesselten, industriellen Wettkampfes der Nationen eine mehrjährige Periodefällt, wo dieser Bevölkerungsclasse eines einzelnen Staates die Quellen der Bildungversiegen, das ist in so manchen Erscheinungen der Gegenwart nur allzu deutlichzu erkennen, und wo es wie hier gilt, einem solchen Lebensbedürfnisse der gewerbe-treibenden Stände endlich zu genügen, da scheint Heute keine Frist mehrgestattet; um so weniger, nachdem Österreich bereits allen andern Berufs-classen ron Staatswegen die entsprechenden Bildungsmittel dargeboten, nachdemes schon seit der zweiten Hälfte des XYIII. Jahrhunderts die Verwaltung deralten Gelehrtenschulen als seine Aufgabe erkannt und zugleich der Verbrei-tung elementarer Bildung in den Volksmassen seine organisatorische Kraftzugewandt, nachdem es sodann auch dem erfolgreicheren Betriebe und der erwei-terten Anwendung der Erfahrungswissenschaften durch Gründung einer neuen Artvon Hochschulen der polytechnischen Institute Berücksichtigung zuTheil werden liess und in Folge dessen später auch die Bifurcation der Mittelschuledurch Errichtung von Realschulen durchgeführt hat.

Irrtliümliclier Weise schien mit diesen Leistungen das Unterrichtsgebäudeabgeschlossen, der pädagogische Beruf des Staates erfüllt und Österreich bliebJahre lang mit seiner gewerblichen Unterrichtsadministration hinter den wirt-schaftlichen und socialen Ereignissen zurück.

Indessen waren aber schon neue Bedürfnisse grossgewachsen, die trotz derbedeutsamen Vorgänge im Auslande bis vor wenigen Jahren nicht die gehörigeBeachtung fanden. Doch stets weiter und weiter schiebt das fortschreitende Lebendiese Bedürfnisse in den Vordergrund und lässt erkennen, dass lückenhafte Unter-richtseinrichtungen einen keineswegs befriedigenden, ja vielfach bedenklichenZustand geschaffen haben.

Alle Bildung strebt vom Volksboden weg und hält sich fast nur mehr inoberen Schichten; die wissenschaftlich und künstlerisch höchst stehenden Leitermoderner Werke sehen unter sich nur mechanisch arbeitende Handlanger. Eine sonaturwidrige Trennung von Kopf und Arm, eine solche Ausschliessung der arbei-tenden Classe vom geistigen Gehalte ihres eigenen Thuns lässt für die Concurrenz-kraft des Gewerbewesens und die gesellschaftlichen Verhältnisse Österreichs dasErnsteste befürchten. Und da kann nur der Staat mit seiner Schule helfendeingreifen. Denn der einzelne Gewerbszweig ist bei dem heutigen Höhestande derIndustrie nicht mehr in der Lage, unter seinen Mitgliedern die Traditionen desHandwerkes voll und schulgerecht weiter zu führen, in der Art etwa, wie dieBauhütte des Mittelalters sich ihre Schule selber zog und den Arbeiter, den Stein-metz zum Baumeister, ja zum Künstler heranbildete.

Darum muss in der Gegenwart dem öffentlichen Interesse durch öffentlicheInstitutionen genügt werden. Die Pflicht hiezu besteht für die Staatsgewalt umsogewisser, als sie, dringenden Anforderungen des Zeitalters entsprechend, demGewerbsmanne durch Einführung der Gewerbefreiheit ein Jahrhunderte altes,historisch gewordenes Recht genommen hat, ein Privilegium, welches in Formvon Innungs- und Zunftgesetzen vielfach starken Schutz gewährt hatte. In edlerer