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Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.
Gestalt kann der Staat nunmehr eine Entschädigung hiefiir nicht schaffen, alsindem er pflichtgemäss dem von gesteigerter Concurrenz hart Bedrängten, demsocial Gefährdeten Bildungsstätten bietet, welche ihm die Erwerbung einesWissens und Könnens ermöglichen, dessen er den veränderten Verhältnissen gegen-über nicht mehr entrathen darf.
So ist es dezm eine Fülle von Thatsaehen, auf welchen die Überzeugungfusst, dass Heute mehr als je den Fragen des gewerblichen Unterrichtes folgen-schwere Bedeutung innewohnt.
Diese Bedeutung ist aber für Österreich desslialb eine umso tiefere, weil esauf seinem eigenen wie auf dem Weltmärkte mit Staaten des europäischen Westensconcurrirt, welche in der Gegenwart auf eine minflendstens decennienlange Ent-wicklung ihres Gewerbeschulwesens zurückblieken. Neuerliche Vorgänge in diesenStaaten, zu deren gewissenhaftester Beachtung vor Allem die Unterrichtsbehördenverpflichtet sind, lassen daher unter den grossen, von der österreichischen Ver-waltung zu lösenden Aufgaben als eine der dringendsten die Organisationdes gewerblichen Bildungswesens erscheinen. Denn auf diesem Gebietegilt es Heute nicht mehr bloss, früher Versäumtes in allmähligem, methodischemVorschreiten nachzuholen, sondern auch den neusten Anstrengungen der wett-eifernden Culturvölker des Welttlieiles mit gleicher Opferwilligkeit und Anspannungder besten Kräfte zu begegnen. Es verlohnt sich daher, hier mit einigen Wortenjener Thatsaehen zu gedenken, welche — im Auslande Heute tlieils vollendet,theils im Vollzüge — eine Vertagung der wichtigen Frage auf ein vielleicht sor-genfreieres und Müsse gewährendes Morgen nicht mehr gestatten.
Es fordern in solcher Beziehung: vor Allem die beiden industriellsten StaatenEuropa’s, Belgien und England, zu sorgsamster Beachtung auf, kaum minderaber die grossen Wirthschaftsgebiete, Frankreich und Deutschland, sowie auchkleinere, rührige Länder, Holland, die Schweiz, Dänemark. Die genannten Staatenbieten der Darstellung so massenhaftes Materiale, dass eine Beschränkung aufeinige Hauptländer und auf einige wichtigste Daten zur Nothwendigkeit wird; soviel muss aber hier im Allgemeinen gesagt werden, dass zur Grossartigkeit der indiesen sämmtlichen Staaten in Anwendung gebrachten Mittel das, was in Öster-reich bisher für die Hebung des gewerblichen Bildungswesens gethan worden,ausser allem Verhältniss steht.
Insbesondere England hat in den letzten zwei Jahrzehnten unter riesigenGeldopfern auf dem Felde gewerblichen Unterrichtes Leistungen vollbracht, derenErfolge mit ungeahnter Raschheit und Macht in seinem Gewerbewesen hervorge-treten sind. Veranlasst wurde der vor nunmehr 22 Jahren von der englischenRegierung plötzlich gefasste Entschluss zu so energischem Vorgehen durch dieErkenntniss von der unbedingten Überlegenheit, deren sich der französische Ge-schmack dem englischen gegenüber damals noch rühmen durfte.
Frankreich aber hatte sich diese seine Überlegenheit nicht leicht und schnellerworben; einer Jahrhunderte langen Erziehungsarbeit dankt seine gewerbefleissigeBevölkerung die glänzenden Erfolge auf artistischem und industriellem Gebiete unddie auch nach schwersten Drangsalen nie versiegende Steuerkraft.