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Exposö über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.
Seit der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts haben diese alten Traditionenjenseits des Rheins kaum mehr eine Unterbrechung erlitten, kein dreissigjährigerKrieg hat dort den Faden der Entwicklung abgerissen, eine blühende materielleCultur zerstört und ein veramtes Volk gezwungen, seine Culturgeschichte wiedervon Vorne anzufangen. Im Gegensätze zu seinen östlichen Nachbarländern durch-lebte diess glückliche Frankreich vom Beginne des 16. Jahrhunderts an 250 Jahreununterbrochener Entwicklung. Während dieser Zeit vermochte eine eigenartigefranzösische Cultur so tiefe Wurzeln in den nationalen Boden einzutreiben, dasssie in der Folge nicht nur die ungeheueren Erschütterungen der Revolution über-dauerte, sondern frische, verjüngende Kraft sog aus den entfesselten Elementen.
Heute hat sie das Alter von drei und einem halben Jahrhundert erreicht.Welche schöpferische Kraft in dieser Periode entfaltet worden, dessen wird mansich wohl erst bewusst, wenn man des französischen Culturzustandes gedenkt, derihr vorangegangen.
Noch zu Ende des 15. Jahrhunderts, welche Gegensätze: das Italien derMedici und das Frankreich Ludwig des Elften! Zwei verschiedene Mikrokosmen!Bald nähern sie sich aber einander unter den Nachfolgern des hartgesinntenKönigs. Die italienischen Kriegsfahrten Karls des Achten, Ludwig des Zwölftenund Franz des Ersten erweitern den Gesichtskreis der Franzosen, eine neue, rei-chere Welt geht ihnen auf im Anblick der italienischen Städte mit ihrem mächtigenHaudel, ihren blühenden Gewerben, ihrer grossartigen Kunst. Geblendet vom GlanzeVenedigs rühmt in jenen Tagen Commines, diese Stadt sei „la plus triomphanteeite qu’il ait vue.“
Solche erweckende Berührungen mit dem Nachbarvolke werden entscheidendfür die franzüsiclie Nationalcultur aller folgenden Jahrhunderte. Ein prachtliebenderKönig unternimmt das bedeutungsvolle Erziehungswerk und erfasst die Aufgabesofort im grossen Style; die von Italienern in seinen Diensten angebahute, neueEntwicklung vollzieht sieh umso nachhaltiger, je bälder sie das nationalfranzösischeGepräge annimmt, und späterhin erhebt sie sich in fast allen Zweigen des Kunst-und Gewerbewesens zu solcher Macht und findet solche Begünstigung in demwirthsehaftlichen Zustande Deutschlands seit dem westpliälischen Frieden, dass siebestimmend wird für ganz Europa und selbst dem Mutterland Italien gebietet.
So hat jenes grosse Erziehungswerk seit den Tagen Franz des Ersten, dadie Renaissance auf französischen Boden übertragen und ein Leonardo da Vinci,ein Primaticcio, ein Rosso-Rossi, ein Benvenuto Cellini ins Land gerufen wurde,seine stetige Entwicklung durchlaufen; in jeder politischen Lage, unter allenRegierungen sind diese Bildungsinteressen mit gleicher Sorgfalt gepflegt wordenund bis zur heutigen Stunde hat nie ein Staatsmann die Förderung jenes französi-schen Primates im Gewerbewesen des Abendlandes verabsäumt, für das einstColbevt mit Geist und Glück gewirkt hatte. Auch die Staatsmänner der Revolutionnicht ausgenommen. Vielmehr sind gerade unter der Republik zur Hebung desfranzösischen Gewerbewesens Massnahmen jener umfassenden, radicalen und cen-tralistischen Art getroffen worden, wie sie seit jener Periode charakteristisch ge-blieben sind für französische Organisationen.