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Auszug aus einem Exposé über die Organisation des gewerblichen Unterrichts in Österreich
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Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.

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zösischen Capacitiit auf dem Gebiete der Färberei-Chemie zu stellen und dassdieser Fachmann erklärte, unter einem Jahresgehalte von 10.000 fl. ohne Schädi-gung seiner materiellen Interessen eine solche Stellung nicht annehmen zu können.

Wo dem inneren Wesen der Dinge entnommene Argumente durch solchepractische, der nächsten Nähe entlehnte Beispiele Bestätigung finden, hätte eseigentlich kaum mehr der Versicherungen von Seite fachlicher Autoritäten bedurft.

Trotzdem wurden von der Unterriclitsverwaltung noch weitere umfassendeErhebungen gepflogen und Gutachten einer Reihe hervorragender, in alle Lebens-verhältnisse technischer Berufskreise eingeweihter Fachmänner eingeholt. *)

*) Einige solche sachkundige Äusserungen mögen Einblick gewähren in die jeden Zweifelausschliessende Art, mit welcher sich Kenner über jene Fragen aussprechen. So berichtet insbesondereein Fachmann, welcher in seiner Stellung als Professor an der Wiener technischen Hochschule somanche Schülergeneration emporwachsen sah, und welcher ebenso in seiner Stellung als obersterLeiter grossartiger, baulicher Unternehmungen die ausgedehnteste Personalkenntniss sich erwarb, ingenau motivirender Weise über die Ursachen des vollständigen Misserfolges seiner monatelangenBemühungen, der Unterrichtsverwaltnng geeignete Kräfte für Gewerbeschullehrämter zu gewinnen,und sagt, nachdem er noch vorausgeschickt, dassdie Anforderungen, welche an einen solchen Lehrergestellt werden, gross sind und es auch der Natur der Aufgabe nach sein müssen t

Die Schule liefert noch keine brauchbaren Lehrkräfte; erst eine mehrjährige Praxis kann zueinem solchen Amte befähigen. Einer solchen practischen Ausbildung kann nämlich der Lehrer aneiner Gewerbeschule durchaus nicht entbehren, wenn seine Lehrtätigkeit eine erspriessliche sein soll,und wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, sich vor seinen, des Handwerks kundigen Schülernalles Vertrauen untergrabende Blossen zu geben. Sobald aber ein Techniker, der sich die erforderlichewissenschaftliche und künstlerische Bildung erworben hat, auch practische Kenntnisse besitzt, so hater bereits solche Chancen für die Praxis erworben, dass er in derselben nicht nur einen sehr anziehenden,sondern auch lucrativen Wirkungskreis findet. Tüchtige Techniker, die, abgesehen von den WienerVerhältnissen, niemals an die Scholle gebunden sind, dürfen nach der Constellation der internationalen,wirtschaftlichen Lage heute Anspruch auf ein Einkommen machen, dom gegenüberdie vom österreichischen Staate gebotenen Bezüge geradezu armselig erscheinen.

Zur Erläuterung des Gesagten kann ich anführen, dass ich den brauchbaren Hilfsarbeiternmeines Ateliers mindestens 150 bis 200 fl. per Monat, und den Bauführern, welche alsojene practische Ausbildung besitzen, die man auch vom Gewerbeschullehrerfordern muss, 250 bis 300 fl. bezahle. Nach diesen Thatsachen, meint der Berichterstatter ferner,müsse man wohl einselien,dass Männer von solcher Qualität, welche man ja doch voraussetzen sollBich nicht herbeilassen können, unter so geringer materieller Entlohnung, wie die bezeichnete von1200 fl. Gehalt und den Activitätszulagen der niederen Rangelassen, Staatslehrämter zu übernehmen,zumal in Provinzialstädten, wo sich wenig oder gar kein Nebenverdienst findet; und dass sich fürsolche Posten sonach immer nur die mittelmässigsten Individuen des Standes, die anderwärts einenWirkungskreis nicht zu finden vermögen, entschliessen würden. Es kann darum wohl kein Sachkundigerin Zweifel sein, dass im Falle die bisher normirten Beträge nicht wesentlich verbessert, ja verdoppeltwürden, nur so ungenügende Kräfte sich dem Lehramte in der Provinz widmenwerden, dass die auf die gewerblichen Unterrichtsinstitute verwendeten Summenbesser ganz erspart werden könnten, so sehr auch der Bildungsstand unsererheimischen Gewerbetreibenden tüchtige Gewerbeschulen als ein unentbehrlichesBedürfniss erscheinen lässt.

Ein dem Unterrichtsministerium erstatteter Bericht eines anderen Fachmannes erscheint desshalbfür die Sachlage sehr bezeichnend, weil dieser Mann der jüngeren Arcliitectengeneration Österreichsangehört, unter derselben als hochgeachteter College die ausgebreitetsten Beziehungen hat und sich