43
hung. Darum aber ist es um so nöthiger, daß das Bewußt-seyn seiner großen Erfordernisse jedem Lehrer und Erzieherimmer gegenwärtig sey, um so nöthiger, je öfter sie unbeachtetbleiben, und je gewöhnlicher es ist, das Erziehungs- und Lehr-geschäst für leicht zu halten, das Jeder von einiger Bildung zutreiben vermöge, und über das Jedermann wenigstens mitsprechenund urtheilen könne. Und doch — ich behaupte es ohne Be-denken— sind wenige Berufe ebenso schwer, und viele leich-ter. Aber nicht, als ob wir Lehrer das Ziel schon erreicht hätten,sondern wir sollen und wollen ihm nachjagen, ob wir's errei-chen möchten; nicht, als ob wir schon ständen auf der Höheunseres Berufes, sondern wir klimmen hinan, und je mehr wirsteigen, desto mehr und demüthigcr erkennen wir die Ferne un-seres Ziels.
Sie werden mir erlassen, die Schwierigkeit des Bildungs-geschäfts im Einzelnen nachzuweisen. Der Gärtner, wenn dasPflänzchen gedeihen soll, muß dessen Natur und Eigenthüm-lichkeit kennen, muß wissen, welches Bodens es bedarf, mußdas Erdreich kennen, in dem es wurzelt, muß achten der Wit-terung, und prüfen, ob es Wärme oder Nässe nöthig hat, mußes stützen, wo es schwankt, richten, wenn es verwachsen will,und abschneiden seine Auswüchse. Nehmen Sie diesen Vergleichgeistig, und Sie haben einen kleinen Theil dessen, was zum Be-rufe der Erziehung gehört. Die Umgebung, in der das Kindaufgewachsen, die ersten Eindrücke, die es empfangen, die Art,wie es zuerst ist behandelt worden, Krankheiten, die auf dasSeelenleben zurückwirkten, kurz! Alles, was in näherer oderentfernterer Beziehung zu seiner Entwickelung stand, ist fürden Erzieher von Wichtigkeit und muß Gegenstand seiner gründ-lichen Prüfung seyn. Denn nicht blos das Erziehungsgeschäft,sondern auch der Bildungsgang jedes Einzelnen ist ein steti-ges Ganze, ein ununterbrochen fortlaufender Faden, an densich weder anstückeln, noch davon abreißen läßt; und wo manruck- und stoßweise erziehen will, da giebt es Knoten, die keinespätere Zeit ganz ausgleicht. Denn auch in dieser Beziehungund für jedes Lebensjahr der Entwickelung gilt Göthe's Wort:„Wer Unreines in seiner Jugend aufgefaßt und es auch nachseiner Art veredelt hat, an dem wird es sich rächen."
Auch muß der Erzieher die menschliche Natur nicht blosim Allgemeinen zu erkennen suchen, sondern jeder einzelne