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Deutsches Lesebuch für Sekundarschulen / von H. Utzinger
Entstehung
Seite
464
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Nur zur Zeit der Schafschur gellt es auf den Höfen hier leb-hafter zu; denn das ist die Erntezeit für den australischen Land-mann. Das Scheren wird von regelrechten Scherern besorgt, die inBanden das Land durchziehen. Auf einem Gute, wo eine halbeMillion Schafe gehalten werden, sah ich fünfzig Scherer in Tätigkeitnebst einer großen Anzahl Handlanger und anderer Arbeiter, unddie Dampfmaschine summte den ganzen Tag. Stundenlang war ichin der Scheune, um dem Getriebe zuzusehen. Mit der Ehr in derHand beobachtete ich die Scherer; der behendeste brauchte geradedrei Minuten und der langsamste fünf und eine halbe Minute, umein Schaf zu scheren, nämlich mit Hilfe der Maschine. Für hundertSchafe bekommen sie -25 Franken; natürlich linden sie aber nichtdas ganze .Jahr Arbeit.

Sind die Schafe geschoren, so treibt man sie in einen einge-zäunten Hof. der ungefähr tausend Stücke faßt. Ist er ganz voll,so läßt man die Schafe auf der andern Seite hinaus und rechnet somanches Mal tausend, als man den Hof voll hatte. Daß da immerein halbes Dutzend mehr oder weniger als tausend sein können,versteht sich von selbst. Kein Besitzer kann genau wissen, wieviele er hat; denn die Schafe kommen zur Welt, leben und sterbenda draußen in der freien Natur unbemerkt von dem, dessen Eigen-tum sie sind. Wenn es aber monatelang nicht regnet, so verliert einGroßgrundbesitzer mitunter in kurzer Zeit ganze Herden, sein ganzesVermögen.

Wasser! ist überhaupt der große Notruf Australiens. DieserErdteil, fast so groß wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika,hat überhaupt nur zwei bedeutende Flüsse, den Murray und denDarling, denen es sogar zuweilen passiert, daß sie fast austrocknen,und die vielen Seen, die du auf der Karte gezeichnet findest, sindmeist nur Salzwasser-Seen. Und derLake-Cowal, wo meineFreundin Lily Allen wohnt, hat allerdings ein Seebecken, fast sogroß wie der Bielersee; aber zum Trinken hat er weder für Menschennoch für Vieh einen Tropfen Wasser. Er ist gerade sumpfig undnaß genug, um ein Tummelplatz der Schlangen zu sein. Wo mandas Trinkwasser hernimmt? Für das Vieh gibt es große Reservoirs(Wassersammler) auf verschiedenen Weiden, und für den Hausge-brauch ist ein Ziehbrunnen da; aber das Wasser ist in dieser Zeitso spärlich, daß man sich kaum zu schöpfen getraut.