I. Lrzäklungen und JWIen.
1. Mutterliebe.
Im Unterengadin sebtc auf einem einsamen Gütchen bei Süs, zwischenhimmelhohen Bergen, der Bauer Jakob Wohlwend. Der Ertrag deskleinen Heimwesens war ärmlich, so daß sich Wohlwend entschloß, dieöde Berggegend zu verlassen und nach Jgis, in der milden und frucht-baren Gegend von Chur, überzusiedeln, woher seine Frau war. Aberaus dem Unterengadin nach Jgis ist es weit, und es ist die hohe Berg-kette zu überschreiten, über welche der rauhe Flüelapaß führt, aus dessenHöhe ein Seelein beinahe das ganze Jahr hindurch zugefroren ist.
Es war an einem Spätherbstmorgen des Jahres 1838, als Wohl-wend mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Süs aufbrach, umüber den Flüela zu reisen. Die Leute stiegen wohlgemut die rauhenHalden hinauf, und die großen Kinder freuten sich an dem, was sieunterwegs alles sahen: Spätblumen, Ziegen, die am Rande des Wegesweideten und ihnen traulich entgegenkamen: wo die Bäume verschwandenund die Alpweiden begannen, ' hörten sie den Pfiff der Murmeltiereund sahen einige derselben, wie sie, kleinen Äsfchen gleich, auf den Fels-blöcken saßen und sich ihrer Borderpfoten bedienten, als wären es Hände.Während die Kinder sich so freuten, schauten der Vater und die Mutter,welche ihr kleinstes, unmündiges Kindlein auf dem Arme trug, besorgtan die Berggipfel hinauf, an denen Nebel sich bildeten, die von scharfemLuftzug pfeilschnell dahingetrieben wurden. Nach und nach hüllten dieGipfel sich ein, das Blau des Himmels verschwand, und ein heftigerWind fuhr an den Felsen hin. Bald sielen schwere Tropfen nieder:allein zwischen denselben trieben Schneeflocken dicht und immer dichter.Ängstlich sammelten sich die Kinder um die Eltern und schmiegten sich
Lesebuch (Prosa). 1