6 Die Nibelunge.
ausgerüstet reitet er zu Worms auf den Hof und fordert den KönigGunter zum Kampf um Land und Leute. Doch im Gedanken andie Jungfrau läßt er sich begütigen und bleibt ein volles Jahr inFreundschaft und Ehre dort, ohne Kriemhilden zu sehen. Sie aberblickt heimlich durch das Fenster, wenn er auf dem Hofe den Steinoder den Schaft wirft. Siegfried heerfahrtet für Guntern gegen die »
Könige Liudeger von Sachsenland und dessen Bruder Liudegast vonDänemark; beide nimmt er gefangen. Als Kriemhilden ein Botemeldet, wie herrlich vor allen Siegfried gestritten, da erblüht rosenrotihr schönes Antlitz; reiche Miete läßt sie dem Boten geben. Gunteraber bereitet seinen Helden ein großes Fest, bei dem Siegfried Kriem-hilden sehen soll; denn die Könige wollen ihn festhalten. Wie aus !
den Wolken der rote Morgen, geht die Minnigliche hervor; wie derMond vor den Sternen, leuchtet sie vor den Jungfrauen, die ihrfolgen; Dienstmannen, Schwerter in Händen, treten voran. Sie grüßtden Helden, sie geht an seiner Hand; nie in Sommerzeit noch Maien-tagen gewann er solche Freude.
Fern über See, auf Island, wohnt die schöne Königin Brünhild.
Wer ihrer Minne begehrt, muß in drei Spielen ihr obsiegen, in Speer-schießen, Steinwurf und Sprung; fehlt er in einem, so hat er dasHaupt verloren. Auf sie stellt König Gunter den Sinn und gelobt »
seine Schwester dem kühnen Siegfried, wenn der ihm Brünhildenerwerben helfe. Mit Hagen und Tankwart besteigen die beiden einSchifflein und führen selbst das Ruder. Sie fahren mit gutem Windeden Rhein hinab in die See. Am zwölften Morgen kommen sie zurBurg Jsenstein, wo Brünhild mit ihren Jungfrauen im Fenster steht.
Als die Helden an das Land getreten, hält Siegfried dem Königedas Roß, damit er für dessen Dienstmann gehalten werde. Sie reitenin die Burg, Siegfried und Gunter mit schneeweißen Rossen undGewänden, Hagen und Tankwart rabenschwarz gekleidet. Brünhildgrüßt Siegfrieden vor dem Könige. Die Kampfspiele heben an; un-sichtbar durch die Tarnkappe steht Siegfried bei Guntern; er über-nimmt die Werke, der König die Geberde. Brünhild streift sich dieAermel auf, einen Schild faßt sie, den vier Kämmerer kaum her-getragen; einen Speer, gleichmäßig schwer, schießt sie auf GuntersSchild, daß die Schneide hindurchbricht und die beiden Männer ^
straucheln; aber kräftiger noch wirft Siegfried den umgekehrten Speerzurück. Einen Stein, den zwölf Männer mühlich trügen, wirft siezwölf Klafter weit und über den Wurf hinaus noch springt sie inklingendem Waffenkleid; doch weiter wirft Siegfried den Stein, weiterträgt er den König im Sprunge. Zürnend erkennt Brünhild sich be-siegt und heißt ihre Mannen Guntern huldigen. Zum Rheine will
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