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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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rief:O Großvater, habe ich geschlafen? Bis doch recht nit höhn;will es gewiß nicht mehr thun."

Warum höhn sy, mys Bäbeli?" sagte der Großvater;hast gesterngewerchet bis spät, warum solltest nicht schlafen? Hätte ich dich nötiggehabt, würde ich dich schon geweckt haben."

O Großvater, wie bist du so gut! Was willst? Soll d'rz'trinke gäh?"

Bin nit durstig", sagte der Alte,aber thue mir das Fenster auf.Die Sonne scheint so schön, und bald wird es das erste Zeichen läuten.Es that mir immer so wohl, wenn ich es hörte an einem SonntagMorgen. Es war mir immer, wenn es so über Wald und Hügel kam,als sei es ein Beten in den Lüften, eine Fürbitte der Engel für diearmen Menschen; und , manchmal war es mir, als sei es GottesStimme, welche die trägen Menschen wecke aus ihrem Sündenschlaf."

Bäbeli, die Haare z'weg streichend, machte das Fenster auf undsagte:Es ist wohl kühl; sagt, wenn ich es wieder zumachen soll".Und als ob die Glocke gewartet, bis der Großvater ihre Stimme höre,begann sie zu läuten gar mild und freundlich und doch so wunderbarund dringlich, daß es war, als töne sie aus allen Falten des Herzenswieder. Wie verklärt leuchtete des Großvaters Angesicht, und unterdem Fenster betete das Mädchen sein Morgengebct, und wie draußenGras und Blumen im Tau, glänzten dessen Augen in tiefster Inbrunst.Das liebe Mädchen betete für den Großvater, der so rüstig gebliebentief in die achtzig Jahre hinein. Plötzlich erschwachet war, von seinemTode sprach und mit rührender Ergebung, ja Freudigkeit ihn erwartete,obschon es ihm Wohl war auf Erden; denn er hatte Frieden in sich undum sich, ward geliebt wie selten ein Großvater. Aber wer, der langein den Vorhöfen gewesen, sehnt sich nicht nach dem Innern desheiligen Tempels?

Sein Leben war Arbeit und Mühe gewesen, er aber besaß inseinem Gemüte einen hellen Sinn und mächtiges Gottvertrauen; daward ihm die Arbeit Lust, und die Mühe verklärte sich ihm in Zeug-nisse, was der Mensch vermag, wenn er den Glauben hat. Er schafftesich die Schulden vom Hals, erzog die Kinder in der Zucht des Herrn,erbaute sich ein schönes Haus, erwarb sich einen guten Namen, derweit und breit bekannt war; wie er Gott vertraute, vertrauten dieMenschen ihm, und wer bedrängt war irgendwie, nahm gerne zu ihm