hatte das Geräusch seiner Schritte und das leise Knarren der Thüreübertönt, und er stand da, mit seinem weißen Haupte über dem schwarzenKöpfchen Giulios, und er hatte die Feder über das Papier fliegen sehen,und in einem Augenblick hatte er alles verstanden und eine übermäßigeReue, eine ungeheure Zärtlichkeit hatte sich seiner Seele bemächtigt, under stand wie angewurzelt, atemlos hinter seinem Kinde. Plötzlich stießGiulio einen lauten Schrei aus; zwei krampfhaft zitternde Arme hattensein Haupt ergriffen. Der Vater bedeckte ihm schluchzend die Stirne mitKüssen: „Jetzt weiß ich alles, verzeihe mir, mein bester Sohn. Komm,komm mit mir!" Und er zog ihn, oder vielmehr er trug ihn zum Betteseiner Mutter, die erwacht war, und legte ihn in ihre Arme und sagtezu ihr: „Küsse diesen Engel von Sohn, der seit drei Monaten nichtschläft und für mich arbeitet und dem ich das Herz betrübe, ihm, deruns das Brot verdient!" Die Mutter drückte ihn und hielt ihn an derBrust, ohne Worte zu finden; dann sagte sie: „Gehe schlafen, mein Kind,gehe scklafen, geh', ruhe aus! Trag' ihn zu Bette!" Der Vater nahmihn auf die Arme, trug ihn in seine Kammer und brachte ihn zu Bette;tief atmend und ihn immer liebkosend legte er ihm die Kissen und dieDecken zurecht. — „Dank," — sprach der Sohn fortwährend. — „Dank;aber gehe jetzt zu Bette, ich bin so glücklich; gehe zu Bette, Vater."Aber sein Vater wollte ihn schlafen sehen, setzte sich neben das Bett,ergriff seine Hand und sagte zu ihm: „Schlafe, schlafe, mein Sohn!" UndGiulio, entkräftet wie er war, schlief endlich ein und schlief viele Stunden,sich nach mehreren Monaten zum erstenmal eines ruhigen Schlafes er-freuend, erheitert von lachenden Träumen, und als er die Augen öffnete,da die Sonne schon hoch am Himmel stand, fühlte er zuerst und dannsah er, an seine Brust angelehnt, gestützt auf den Rand des kleinen Bettes,das weiße Haupt seines Vaters, der die Nacht so zugebracht hatte undnoch schlief, mit der Stirne an seinem Herzen.
74. Zufriedenheit.
Joh. Martin Miller, Goedele. Elf Bücher deutscher Dichtung. I. Band.
Mas frag' ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin!Giebt Gott mir nur gesundes Blut, so hab' ich frohen Sinnund sing' aus dankbarem Gemüt mein Morgen- und mein Abendlied.
So mancher schwimmt in Überfluß, hat Haus und Hof und Geld,und ist doch immer voll Verdruß und freut sich nicht der Welt.
Je mehr er hat, je mehr er will; nie schweigen seine Klagen still.
Da heißt die Welt ein Jammerthal und beucht mir doch so schön,hat Freuden ohne Maß und Zahl, läßt keinen leer ausgehn.
Das Käferlein, das Vögelein darf sich ja auch des Maien freun.