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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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Während dieser Zeit sah der Botaniker, wie in Gedanken versunken, stillvor sich hin; als aber eine Pause eintrat, erhob er seine Blicke wiederund sagte:Es ist mir bei den interessanten Erzählungen dieser Herrendie Erinnerung an einen Kampf vor die Seele getreten, von dem ichselbst Zeuge gewesen bin, und der vielleicht der außerordentlichste, gewißaber wegen seines Ausgangs der schrecklichste ist, den man sich denken kann.

Nachdem ich das nördliche Amerika nach allen Richtungen durchstreiftund auch Haiti besucht hatte, schiffte ich mich mit einer reichen Erntevon Pflanzen in Port au Prinee nach Frankreich ein. Unser Schiff warzum Teil mit irländischen Matrosen bemannt, unter denen sich vornehmlichdie beiden Beckner, Vater und Sohn auszeichneten. Der Vater galt fürden besten Matrosen in der englischen Marine, und der Sohn, obgleicherst ein Knabe von zwölf Jahren, gab dem Vater nur wenig nach.Groß und stark über seine Jahre, leuchtete aus seinem von Sonne undWetter gebräunten Gesichte zugleich der Mut eines Mannes, eine kind-liche Gutmütigkeit und jener unbesiegliche Frohsinn, der den Jrländer sovorzüglich auszeichnet. Auch war er der Liebling aller, die auf demSchiffe waren. Wenn wir ihm bei seinen Geschäften zusahen und unsüber die Gewandtheit freuten, mit der er auch das Schwerste so leichthinverrichtete, als ob es nichts wäre, und alles beachtete, ob er sich gleichum nichts zu bekümmern schien, dann pflegte der Vater wohl zu sagen:,Jst's ein Wunder? Ein guter Jrländer ist von Jugend auf auch einguter Seemann, und mein Volney hat das Scewasser gekostet, eh' er,Vater' sagen konnte. Sobald er ordentlich auf den Füßchen stand,ließ ich ihn nicht aus den Augen. Ich nahm ihn überall mit, und wennich ihn aus dem Kahn ins Wasser warf, war es ihm ein Spaß, und erlachte mich an; und wie er kaum zwei Jahre alt war, konnte er schwimmenwie ein Fisch. Zwei Jahre später versprach ich ihm einmal, er solltemit hinüber nach England fahren, nahm aber mein Versprechen zurück,weil er eine Dummheit gemacht und eine Strafe verdient hatte. Er waraußer sich, und ich mußte ihn einsperren. Was thut der Junge? Erspringt zum Fenster hinaus, läuft aus Ufer und stürzt sich ins Wasser;und wie ich so an der Leiter hänge und das Bramsegel einreffe, kommtetwas hinten nachgeschwommen; und da ich hinsehe, wer soll's sein, alsmein Volney, der, wie er mich ansichtig wird, die linke Hand hoch indie Höhe hebt und lacht. In wenigen Minuten war er am Schiff undwurde am Tau heraufgezogen, und alle unsere Leute waren wie närrischvor Freuden über den Jungen und herzten und küßten ihn; und da ichihm drohte, lachten sie mich aus und schrien, er stünde unter dem Schutzeseiner großbritannischen Majestät und dem ihrigen. Da that ich ihm dennauch nichts und hatte innerlich selbst meine Freude an seinem Ungehor-sam. So war der Junge im vierten Jahre; im zehnten war er eintüchtiger Schiffsjunge, und jetzt, wo er zwölf Jahre alt ist, arbeitet erfür zwei und wird auch für zwei bezahlt? "