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Sünden. Rom brauchte viel Geld; denn der damalige, PrachtliebendePapst Leo X. wollte den gewaltigen Bau der Peterskirche vollenden.Durch seinen unverschämten Handel habe Samsou allein in der Schweiz120000 Dukaten zusammengebracht. Wohl sollte der sog. „Ablaß" nurein Erlaß der Kirchenstrafen sein, welche man den Büßenden auferlegte.Aber das Volk faßte ihn so auf, daß man um Geld Vergebung seinerSünden erkaufen könne. Jeder, der einen Groschen, Gulden oderDukaten (je nach der Schwere der Sünde) in den Kasten legte, bekameinen Ablaßbrief mit dem Siegel des Papstes, der ihn von seinerSchuld frei erklärte. Ja, die Ablaßkrämer behaupteten sogar, für zu-künftige Sünden und für die Seelen verstorbener Menschen Ablaß gebenzu können. Marktschreierisch wurden die Zeddel angepriesen mit demVerse: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feg-feu'r springt". Ganze Wagen voll Geld wanderten über die Alpen.„Das sind die Sünden der Deutschen", spotteten die Italiener. —Zwingli wehrte sich mit allen Kräften gegen eine solche Verkehrungder biblischen Lehre, und auf sein Betreiben verschloß die Stadt Zürichdem Ablaßhändler ihre Thore. Sogar der Bischof von Konstanz unddie Tagsatzung stellten sich hierin auf Zwinglis Seite, und der Papst,der die Eidgenossen nicht gern erzürnte, gab Samson Weisung, sich ausder Schweiz zurückzuziehen.
Aber auch die Feindschaft gegen Zwinglis Lehre wuchs. Er hattees zunächst auf die innere Umwandlung der Herzen abgesehen; alleinauch äußere Folgen seiner reformatorischeu Wirksamkeit stellten sich nachund nach ein: Einige aßen an Fasttagen Fleisch, andere verachteten dieBilder, ja einzelne Geistliche wollten keine Messe mehr lesen. Da ver-anstaltete der Rat 1523 eine öffentliche Disputation sReligionsgesprächj.Etwa 600 berühmte und gelehrte Männer, darunter Dr. Faber,Generalvikar des Bischofs von Konstanz, waren zugegen. Zwingli saßvor der heiligen Schrift und forderte die Anwesenden auf, gegen seineLehre Zeugnis zu geben; aber alles schwieg. Auch Faber wollte nichtdisputieren, sondern nur seinem Bischof Bericht erstatten. Da rief eineStimme: „Wo sind nun die Großhanse, die auf den Gassen und inden Wirtsstuben so laut schreien? Heran doch, hier ist der Mann".Alles blieb still. Da beschloß der Rat, Zwingli solle fortfahren, dasEvangelium zu verkünden, und die Pfarrer sollen nur predigen, wassich aus der Schrift beweisen lasse, von Menschensatzungen aber schweigen.