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wandelte sich das Heulen des Nordost in das Stiftungslied des Gesang-vereins zu Lindenstedt, dessen eifriges Mitglied er ist. Und die Männerreißen die müden, entzündeten Augen auf, entsetzt über die gefährlichenAnwandlungen, die sich dennoch unwiderstehlich wiederholen. „Gottlob,es ist bald vorüber! noch eine halbe Stunde."
Vorwärts! Vorwärts! — „Alter Greif," sagte Zimmermann zuseiner Maschine, die, dick becist, mit einer Schneekruste bedeckt, mitverschlacktem Roste schwerer und schwerer ihre Pflicht erfüllt, „wir kommenheute beide wie die Eisbären an, beide erstarrt, durchfroren, todmüde;das war eine böse Nacht für uns beide! Du sollst Pflege haben, saubergemacht werden von Rad zu Schornstein, und ich, ich will mich wärmenund auftauen! Gott sei Dank, da ist Hochfeld, die Endstation!"
Mühsam hob er den starren Arm im steifgefrornen Ärmel, um zupfeifen, als die Gebäude der großen Station im ungemütlichen Lichteeines stürmischen Wintermorgens, mit hier und da noch in den Fensternglimmenden Lichtern, dicken Eiszapfen an den Dächern und mit all ihrerÖde und Unbehaglichkeit zum Vorschein kamen.
Dröhnend rollt der Zug mit den letzten Atemzügen der fast ver-löschenden Maschine in die nur spärlich erleuchtete Halle. Der Inspektorsteht im Morgenpelze verdrießlich auf dem Perron. Mühsam sich bewe-gend, starr und kältematt, reicht ihm Zimmermann die Kursuhr herab.„Sie kommen zwanzig Minuten zu spät," knurrte der Inspektor, „Siehaben die Fahrtprämie verloren." — „Es war eine böse Nacht, HerrInspektor," sagte der halb erfrorene Führer. — „Ja, es thut mir leid,"erwiderte der Inspektor, „Gaußigs Maschine ist schadhaft geworden;bringen Sie den alten Greif in Ordnung; in einer halben Stundemüssen Sie den Schnellzug zurück übernehmen." —Todmüde, durchfrorensofort den ganzen Weg zurück, und der Schneesturm tobt nach wie vor!Das ist Lokomotivführerdienst im Winter!
141. Weihnachtsfest.
Robert Reinick. Lieder.
1. Der Winter ist gekommenund hat hinweggenommen
der Erde grünes Kleid;
Schnee liegt auf Blütenkeimen,kein Blatt ist an den Bäumen,erstarrt die Flüsse weit und breit.
2. Da schallen Plötzlich Klängeund frohe Festgesänge
hell durch die Winternacht.
In Hütten und Palästenist rings in grünen Ästenein bunter Frühling aufgewacht.
3. Wie gern doch seh'ich glänzenmit all den reichen Kränzenden grünen Weihnachtsbaum,dazu der Kindlein Mienen,von Licht und Lust beschienen!Wohl schönre Frcudegiebt eskaum!