308
Geschlecht wohnt in den alten Häusern, andere Gesichter schauen zuden Fenstern heraus, andere Kinder spielen auf der Gasse. Oder erkommt an einem Sonntag. Andere Knaben läuten in die Kirche, einanderer Psarrherr tritt aus der Sakristei heraus auf die Kanzel, einanderer Herr Schulmeister schlägt auf der Orgel den Choral. Aberdie Leute im Dorf kennen einander noch alle und merken nicht sehr,daß sich fast alles geändert und gewechselt hat.
Wenn man das am 31. Dezember oder auch heute schon bedenkt,sollte man sich fast entschließen, den Leuten, mit denen man zu lebenhat, im neuen Jahr viel Liebe und Freude zu beweisen, weil man nichtwissen kann, wie lange sie einem noch Zeit dazu lassen; ja man solltenicht vergessen, daß man auf der großen Scheibe selber immer weiterhinausrücket an den Rand, weil auf der andern Seite immer neuenachrücken, die auch wollen Platz haben.
Der Hausfreund gefällt sich in solchen Betrachtungen bei demJahreswechsel, will aber diesmal nicht fortfahren, und wünscht seinenLesern zum neuen Jahr insgesamt des Lieben und Guten so viel, alsjeder ertragen kann, süße Lebküchlein den artigen Kindern, den unartigenZucht und geschmeidige Ruten, Sittsamkeit der Jugend, Freude undTrost dem Alter, allen ein frommes Herz, und denen, die den Schlußdes neuen Jahres nicht auszuwarten gedenken, noch viel warme, schöneTage und weit hinten im Jahr ein sanftes Ende.
145. Neujahrslied.
Joh.^Peter Hebel, Werke Bd.
t^Ait der Freude zieht der Schmerztraulich durch die Zeiten!
Schwere Stürme, milde Weste,bange Sorgen, frohe Festewandeln sich zur Seiten.
Ilnd wo eine Thräne fällt,blüht auch eine Rose;schön gemischt noch eh' wir's bitten,ist für Thronen und für HüttenSchmerz und Lust im Lose.
War's nicht so im alten Jahr?Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen aus und nieder,Wolken gehn und kommen wieder,und kein Wunsch wird's wenden.
Gebe denn, der über unswägt mit rechter Wage,
Jedem Sinn für seine Freuden,Jedem Mut für seine Leidenin die neuen Tage!
Jedem aus des Lebens Pfad einen Freund zur Seite,ein zufriedenes Gemüte, und zu stiller HerzensgüteHoffnung ins Geleite!