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kam? Das will ich euch sagen. In jenen Jahren war in Frankreichdie sogenannte Schreckenszeit. Der rohe Pöbel hatte sich zuerst in Paris,dann auch in andern Städten erhoben, den König umgebracht, alleBande der Ordnung und Zucht zerrissen und wütete nun mit Mordund Blutvergießen gegen alle, welche den leisesten Verdacht erregten,daß sie dies schändliche Unwesen mißbilligten. Nun lebte in der Nähevon Nancy auf einem Schloß ein reicher Graf, dem lange Zeit niemandetwas anzuthun wagte, weil er ein gar hochgeachteter Herr war. Abereines Nachts zog ein raub- und blutgieriger Haufe von der Stadt her;das Schloßthor wurde gesprengt, der Graf mit wildem Geschrei ergriffenund an einen Baum gehängt und die arme Gräfin mit Beilhieben ge-tötet. Dann wurden auch die unschuldigen, wehrlosen Kinder ermordet,bis auf ein Mädchen, das ein alter, treuer Diener auf einer geheimenTreppe in den Keller schaffte und versteckt hielt. Am folgenden Morgenverließen die Mörder das geplünderte Schloß, kündigten aber an, siewürden in der Nacht wieder kommen und es anzünden. Wie sollte esnun Felix, der treue Diener machen, um das gerettete Mädchen inSicherheit zu bringen? Wäre er mit ihr fortgegangen, so hätten dieLeute sie erkannt, festgenommen und dem Revolutionsgericht über-liefert. Da gab ihm Gott einen guten Gedanken. Er nahm ein leeresFaß, öffnete es oben und hieß das Mädchen hineinsteigen. Dannfüllte er das Faß vollends mit Stroh aus, setzte den Boden wiederein, schob es so behutsam wie möglich auf einen Karren, legte nochein Paar andere leere Fässer darauf, und fort ging's den Schloßberghinab durch das Dorf, dem Steinthal zu, wo der treue Felix geborenwar. Meistens zog er den Karren nur in der Nacht, den Tag überhielten sie sich womöglich in Wäldern auf. Da konnte dann auch dasMädchen aus dem Faß Herausschlüpfen, die eingezwängten Gliederrecken und etwas Speise zu sich nehmen.
Eines Morgens jedoch waren sie, obgleich es schon lange Tagwar, noch auf der Landstraße, weil sie weit und breit keinen Waldsahen. Da plötzlich kamen ihnen Gensdarmen entgegengeritten. „Halt!"rief einer von ihnen, „was habt Ihr in Euer» Fässern? Rollt sievon Euerm Schiebkarren herunter, daß wir sie untersuchen!" Der armeFelix mußte ein Faß nach dem andern auf den Boden stellen, und jedeswurde durch Klopfen und Schütteln untersucht, bis auf eines, und daswar gerade das Faß, in welchem sich das Mädchen befand! Enttäuscht und