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brummend zogen die Gensdarmen fort; Felix aber lud mit dankbaremHerzen seine Fässer wieder auf, und so ging's weiter, vierzehn Tagelang durch große Angst und wunderbare Erfahrungen, bis sie endlichins Steinthal kamen und bei Oberlin Zuflucht fanden.
Die Gefahr war aber noch nicht vorüber. Rettung und Fluchtder kleinen Emilie waren bekannt geworden, ihr Name wurde auf dieListe der zum Tode Verurteilten gesetzt, und die Feinde ihres Vatersließen überall nach ihr suchen. Sie mußte deshalb immer im Hausebleiben, ja, sie durfte sich nicht einmal am Fenster zeigen. Aber wasist alle menschliche Vorsicht! Eines Morgens früh gegen 6 Uhr sitztVater Oberlin in der Wohnstube, da wird heftig an die Thüre geklopft pOberlin öffnet und zwei Gensdarmen treten ein. „Herr Pfarrer", sagteder eine etwas verlegen, denn er hatte vor Oberlin großen Respekt,„Herr Pfarrer, das Gericht in Straßburg hat einen Brief erhalten,darin werden Sie angeklagt, daß Sie die Tochter eines Aristokraten undVolksverräters, die als Mitschuldige ihres Vaters zum Tode verurteiltist, in Ihrem Hause verbergen, und wir haben Befehl, Ihr Haus zudurchsuchen. Nun thun wir Ihnen aber nicht gern diese Schande an.Wir wissen, Herr Pfarrer, daß Sie nie eine Unwahrheit sagen, wennSie uns deshalb das Wort geben, daß Sie keine solche Person in IhremHause beherbergen, so glauben wir Ihnen und gehen wieder fort!"Ohne etwas von der Angst seines Herzens merken zu lassen, ant-wortete er den Gensdarmen: „Gott bewahre, daß ihr aus Gefällig-keit gegen mich eure Pflicht nicht thut! Ihr habt den Auftrag, meinHaus zu durchsuchen; nun, so thut es, kommt, ich will euch den Wegzeigen!"
Damit erhob sich Oberlin und führte die Gensdarmen durch dasHaus. Er lächelte dabei ganz freundlich, aber sein Herz schrie un-ablässig zu Gott. Zuletzt kamen sie auch an das Kämmerlein, welchesdas junge Mädchen bewohnte. „Das ist nun die letzte Stube, meineFreunde!" sagte Oberlin, indem er die Thüre öffnete und weit aufstieß.Die Gensdarmen waren immer verlegener geworden, je freundlicherOberlin mit ihnen umging. Einer von ihnen trat auf die Schwelleder Kammer, schaute rechts und links um und sagte: „Schon gut! esist niemand da! Man hat Sie verleumdet, Herr Pfarrer! Wir bittenhöflichst um Verzeihung für die Störung. Leben Sie wohl!" Damitstiegen sie die Treppe hinab und verließen grüßend das Pfarrhaus.