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161 . Die Rückkehr der Franzosen aus Rußland.
Gustav Freytag. Bilder aus der deutschen Vergangenheit. IV. Band. (Gekürzt).
^o stolz das französische Heer nach Osten gezogen war, so arm-selig kehrte es zurück. Es war nach dem Neujahr 1813. Trotzdemder französische Militärgouverneur in Berlin jede Äußerung der ver-schüchterten Presse bewachte, war doch längst die Kunde von demSchicksal der großen Armee bis in die entlegenste Hütte gedrungen;zuerst dunkle Gerüchte von Not und Verlust, dann die Nachricht voneinem ungeheuren Brande in Moskau und den himmelhohen Flammen,,die rings um den Kaiser aus dem Boden gestiegen waren. Dann voneiner Flucht durch Eis und Wüsteneien, von Hunger und unsäglichemElend. Seit den letzten Tagen wußte man, daß der Kaiser selbst vonseinem Heer geflohen war. In offenem Schlitten, nur einen Begleiterneben sich, war er verhüllt, als Herzog von Vicenza, Tag und Nachtdurch preußisches Land gefahren. In Hainau hatte ihn die entschlossenePostmeisterin erkannt, in ihrer Küche mit den Löffeln geschlagen undgeschworen, ihm keinen Thee zu gönnen, sondern einen andern Trankzu brauen. Durch die ängstlichen Vorstellungen ihrer Umgebung warsie endlich bis auf Kamillenthee erweicht worden, den sie mit hartemFluch in die Kanne goß. Er hatte doch getrunken und war weiter ge-jagt auf Dresden zu. Jetzt war er in Paris angekommen; man las inden Zeitungen, wie glücklich Paris war, wie zärtlich ihn seine Gemahlinund sein Sohn begrüßt hatten, wie wohl sich der Kaiser befinde, unddaß er bereits am 27. Dezember die schöne Oper „Das befreiteJerusalem" angehört habe.
Bald konnte man in Preußen sehen, was von der großen Armeeübrig war. In den ersten Tagen des Jahres fielen die Schneeflocken;weiß wie ein Leichentuch war die Landschaft. Da bewegte sich ein lang-samer Zug geräuschlos auf der Landstraße zu den ersten Häusern derVorstadt. Das waren die rückkehrenden Franzosen. Sie waren vor einemJahre der aufgehenden Sonne zugezogen mit Trompetenklang undTrommelgerassel, in kriegerischem Glanz und empörendem Übermut.Endlos waren die Truppenzüge gewesen, Tag für Tag ohne Aufhörenhatte sich die Masse durch die Straßen der Stadt gewälzt, nie hatten dieLeute ein so ungeheures Heer gesehen, alle Völker Europas, jede Art vonUniformen, Hunderte von Generalen. Die Riesenmacht des Kaisers war