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tief in die Seelen gedrückt, das militärische Schauspiel mit seinem Glanzund seinen Schrecken füllte noch die Phantasie; aber auch die unbestimmteErwartung eines furchtbaren Verhängnisses. Einen Monat hatte derendlose Durchzug gedauert; wie Heuschrecken hatten die Fremden vonColberg bis Breslau das Land aufgezehrt. Die Offiziere hatten von derFrau des armen Dorfgeistlichen gefordert, daß sie ihnen die Schinken inRotwein koche; den fettesten Rahm tranken sie aus Krügen und gössenZimmetessenz darüber; auch der Gemeine hatte getobt, wenn er desMittags nicht zwei Gänge erhielt; wie Wahnsinnige hatten sie gegessen.
Aber schon damals ahnte das Volk, daß die Frevelhaften so nichtzurückkehren würden. Und die Franzosen sagten das selbst. Wenn sie sonstmit ihrem Kaiser in den Krieg gezogen waren, hatten ihre Rosse ge-wiehert, so oft sie aus dem Stall geführt wurden, damals hingen sietraurig die Köpfe; sonst waren die Krähen und Raben dem Heere desKaisers entgegengeslogen, damals begleiteten die Böget der Walstatt dasHeer nach Osten, ihren Fraß erwartend. — Aber was jetzt zurückkehrte,das kam kläglicher, als einer im Volke geträumt hatte. Es war eineHerde armer Sünder, die ihren letzten Gang angetreten hatten, es warenwandelnde Leichen. Ungeordnete Haufen aus allen Truppengattungenund Nationen zusammengesetzt, ohne Kommandoruf und Trommel,lautlos wie ein Totenzug nahten sie der Stadt. Alle waren unbe-waffnet, keiner beritten, keiner in vollständiger Montur, die Bekleidungzerlumpt und unsauber, aus den Kleidungsstücken der Bauern undihrer Frauen ergänzt. Was jeder gefunden, hatte er an Kopf und Schul-tern gehängt, um eine Hülle gegen die markzerstörende Kälte zu haben:alte Säcke, zerrissene Pferdedecken, Teppiche, Shawls, frisch abgezogeneHäute von Katzen und Hunden; man sah Grenadiere in großen Schaf-pelzen, Kürassiere, die Weiberröcke von buntem Fries wie spanischeMäntel trugen. — Nur wenige hatten Helm und Tschako; der Mehr-zahl waren Ohren und Nasen erfroren, und feuerrot, erloschen lagendie dunkeln Augen in ihren Höhlen. Selten trug einer Schuh oderStiefel; glücklich war, wer in Filzsocken oder in weiten Pelzschuhenden elenden Marsch machen konnte. Vielen waren die Füße mit Strohumwickelt, mit Decken, Lappen, dem Fell der Tornister oder dem Filzvon alten Hüten. Alle wankten auf Stöcke gestützt, lahm und hinkend.So schlichen sie daher, Offiziere und Soldaten durcheinander, mit ge-senktem Haupt, in dumpfer Betäubung. Alle waren durch Hunger und