361
geliebten Vaterlandes zu schildern. Seine lesenswerten Bemerkungenüber Erziehung zeugen von großer Menschenkenntnis, von feiner,selbständiger Beobachtung und vielseitigem Wissen.
Neeracher nahm an den ausgelassenen Lustbarkeiten ungeschliffenerJungen nicht teil, um kein böses Beispiel zu geben; daher wurde erhie und da von Altersgenossen als Sonderling verschrieen. Da er inder Wahl vertrauter Freunde äußerst vorsichtig war, suchte er mitVorliebe den Umgang gebildeter, rechtschaffener Männer. Vor allemnahm er sich den weisen Rat des sterbenden Sokrates zum Grundsatz:„Bleibe tugendhaft, fürchte Gott, liebe das Vaterland und verachtealles, was Thoren hochschätzen".
Als von Frankreich her die Gedanken über Freiheit und Gleich-heit in den Unterthanenländern der schweizerischen Eidgenossenschaftverbreitet wurden, da schloß sich Neeracher mit Begeisterung einerLesegesellschaft an, die sich in Wädensweil aus angesehenen Bürgernbeider Seeufer gebildet hatte. Diese Freunde der Geschichtsforschungbelehrten sich gegenseitig durch Vortrüge über Vaterlandsliebe undVaterlandspflichten, über das Verhältnis der Obrigkeit zu den Unter-thanen, über Handels- und Gewerbefreiheit.
So kamen sie zur Erkenntnis, daß die Rechte und Freiheiten, welchedie Stadt dem zürcherischen Landvolke im Jahre 1489 durch denWaldmannischen Spruch und im Jahre 1532 durch den Kappeler Briefzugesichert hatte, allmählich ganz verloren gegangen waren. Man be-schloß, in einer Denkschrift alle Beschwerden und Wünsche des Land-volks der Regierung in ehrerbietiger Weise zur Kenntnis zu bringen.Mit der Abfassung dieses sogen. Memorials betraute man den jungenHafner Neeracher, der bereits als gewandter Schriftsteller bekannt war.Die zweite der 7 Hauptklagen, welche die Eingabe enthielt, bezieht sichauf die ungebührliche Einschränkung der Handels- und Gewerbefreiheitauf dem Lande. In jenem Abschnitt heißt es unter andern:: „Überallim Lande hört man sagen: Es ist kein Erdstrich in Europa, wo der
Erwerb unter einem solchen Druck ist.Hier in dem Lande der
Freiheit soll der geschickteste Kopf mehr nicht, als der Taglöhner sein.Hier soll er, zufolge der Forderung der Zünfte, die rohen Materialienvon einem Bürger erkaufen, sie verarbeiten und wieder an einen Bürgerverkaufen, wie z. B. die Fabrikanten der Baumwolle, womit sich dergrößte Teil des Volkes am Zürichsee beschäftigt; niemand solle, bei