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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
Entstehung
Seite
410
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vor Angst und Schrecken. Unsere Bußpsalmen verstummen wieder, derKanonendonner würgt einem den Hals zu; aber das Jammern und dasStöhnen will kein Ende nehmen.

Es hat ins Schloß eingeschlagen, Spiegel, Leuchter, Möbel sindauseinandergesahren. Wer will da hinauf? „Geschwind herunter, 's istnicht mehr möglich. Laßt in Gottesnamen fallen, was fällt, brechen,was bricht. Es darf niemand mehr den Keller hinauf. Ach! es brenntvielleicht über unsern Häuptern und wir wissen's nicht." — „Wenn'saber brennt, wenn die ungeheure Steinmasse über uns zusammenbricht,dann werden wir ja lebendig begraben unter den Trümmern."

Der Gedanke peinigt das Herz mit Höllenangst. Ich schleiche dieKellertreppe hinauf: Das Geschoß hat nicht gezündet; auch das Pfarr-haus steht noch unversehrt dort drüben. Aber im Oberdorf steht eineganze Reihe von Gebäuden in Flammen! — Es ist drei Uhr. DerEntscheidnngskampf rückt näher; es müssen Kanonen im Garten, oderdoch in nächster Umgebung stehen. Die Mitrailleusen klirren in unauf-hörlichem, haarsträubendem Knallen, unter jedem Schuß erzittert dasganze Gebäude. Wir sind jetzt in unaussprechlicher Trübsal; Todesangstpeinigt alle Herzen zum Verzweifeln. Jetzt erwachen auch die Kleinenund winseln und schreien; sie wollen hinaus, heim, heim! — Wer kommtda die Treppe herunter? Zwei bewaffnete Männer, keuchend, schäumend,todesmüde, der eine bluttriefend, beide fliehende Franzosen. Sie sinkenzu Boden, kauern sich unter die Fässer, und wir lassen es geschehen.Wir denken nicht daran, welches Unheil ihre Gegenwart über uns bringenkönnte. — Was ist schon wieder da droben? Feste Fußtritte, lautesRufen: „Mama! Mama!" Wir hören es alle, es tönt wie eine liebeStimme. Die Gräfin rafft sich auf und will die Treppe hinauf eilen;es donnert, schmettert zum Vergehen. Wir halten die mutige Seele mitGewalt zurück. Die Tritte verhallen, die Stimme ertönt nicht mehr.Es war das Lebewohl eines Helden, des Sohnes des Hauses! Er hathier auf diesen Gefilden gestritten, den Leichnam seines erschossenenObersten mit kühner Todesverachtung aus dem Getümmel getragen undseiner Mutter Angesicht auf der Flucht noch einmal sehen wollen! Erhat seines Herzens Sehnsucht nicht mehr stillen dürfen; mit dem Ehren-kreuz geschmückt, hat er sein Ulanenregiment noch durch die Bogesen ge-führt, ist bei Sedan nochmals auf dem Plan gewesen; aber seiner LiebenAngesicht hat er nicht mehr gesehen. Er ruht in französischer Erde.

Die Befreiung.

Jetzt wird's stiller. Der Kanonendonner entfernt sich nach Westen.Wir atmen aus in der dunklen, feuchten Tiefe. Noch ein Schuß, nocheine Mitrailleuse, noch vereinzeltes Gewehrknattern. Plötzlich hören wirstarke Männerstimmen, mächtige Kolbenstöße auf die Platten der Haus-flur. „Hurra! Sieg! heraus! heraus! die Deutschen sind da!" O jetzt