Gliedern! Wie lechzte der große, aufgesperrte Mund nach einem TrunkWasser! Es gelang uns endlich, sie aus ihrem Versteck herauszubringen;einer stürzte unter der Thüre zusammen, kroch auf allen Vieren durchden Hof und fiel durchs Hintere Scheunenthor in den Garten, wo er, denKopf und das Gesicht zur Erde gewendet, verblutete. Der lange Negerlegte sich mitten in den Hof, in die Sonne, bedeckte sein Angesicht miteinem Tüchlein und phantasierte, bald singend, bald heulend, mit genHimmel aufgehobenen Händen, bis er den Geist aufgab. Diese ganzeScene hat einige Minuten gedauert.
Aus der Straße war ein wütendes Getöse; wir ahnten aber nicht,was jetzt über uns kommen sollte. Ich stand in der Hausthür. Plötzlichdrangen die Soldaten haufenweise in den Hofraum. Sie waren außersich vor Hitze, vor Durst und Erschöpfung. — „Sie haben doch Wein?Geben Sie uns einige Flaschen Wein!" — „Ja, ja, Sie sollen Weinbekommen, nur ruhig, ich will holen." Ich stieg in den Keller undbrachte sogleich mehrere Flaschen. O weh! Hunderte von ausgestrecktenHänden griffen durcheinander. Mir auch eine! mir auch! mir auch! —Mir wurde angst und bange. Ich eilte die Treppe hinunter, ein ganzerSchwärm stürzte mit herab in den Keller. Jetzt ging's los. — Wiewilde Tiere fielen sie über die Kiste her, daraus ich die Flaschen langte.Ich konnte nichts mehr wehren; im Nu war keine einzige Flasche mehrvorhanden. Und immer zahlreicher, stürmischer brachen sie in den Kellerherunter. „Wir müssen Wein haben!" riefen sie, und klopften an die Fässer;„aufmachen auf der Stelle, oder wir schießen in die Fässer!" Ich konntemich kaum noch meines Lebens erwehren, sie hätten mich erdrückt, unterden Füßen zerstampft! Jetzt erbrachen sie die Fässer, eins nachdem andern; keiner wollte weichen, alle wollten auf einmal trinken.Und immer wieder fluteten neue Massen zum Hof hinein; scharenweisedrangen sie in den Keller, warfen die leeren Fässer hin und her, konntenaber nichts mehr finden und stürmten weiter.
Und wie im Keller, so ging's im ganzen Hanse. Es war nichtmöglich, der losgelassenen Kampfeswut, dem Hunger und Durst derSoldaten zu widerstehen. In der Küche wurden alle Gefäße, HäfenKübel hervorgeholt, ausgeleert (einer hat sogar Petroleum getrunken!),zerschlagen oder fort ins Lager geschleppt. In den Stuben wurden,alle Möbel aufgerissen, alles Vorhandene unzähligem«! durchcinander-geworsen; alle Winkel bis auf den Taubenschlag hinauf wurden durch-sucht, ob etwa noch Nahrungsmittel aufzuspüren wären. Und wie wirauch immer wieder Kommenden beteuerten: „Wir haben nichts mehr!",sie glaubten es nicht; sie wurden böse und schalten und suchten undfluchten, und wir konnten doch keine Borräte mehr aus der Erde zaubern.Das waren schreckliche Momente. Im Hofe ging's denselben Gang derVerwüstung wie im Hause. Die Hühner wurden alle erwürgt, dieSchweine totgeschossen; Hen, Stroh, Wagen, die Bienenstöcke, alles was