422
Als der Hauptmann den suchenden Freund erkannte, streckte er ihmdie Hand entgegen, und dieser sagte: „O Hermann, wie lange hab' ichdich gesucht und muß dich nun so finden! Bist du schon verbunden?"„O Karl", rief der Verwundete, „hab tausend Dank für deine Sorgeund Liebe, aber mir kann kein Doktor mehr helfen, mit mir ist's aus;'s wird höchstens noch ein paar Stunden gehen". Mit diesen Wortenlüftete er den Mantel, und eine schreckliche Wunde kam zum Vorschein.Da überkam den Kriegsbeamten ein tiefes Weh; sprachlos beugte er sichüber den Freund, drückte ihm einen Kuß auf die bleichen Lippen undsagte dann: „Kann ich dir noch einen Wunsch erfüllen, etwas besorgen?"„Ja", sprach der Verwundete, hob sich mühsam empor und sagte leise:„Karl, hier nebenan liegt mein treuer Feldweibel, tödlich verwundetwie ich. Ich bin Junggeselle, habe keine nähern Verwandten, dieseraber hat ein Weib und Kindlein. — Die sollen meine Erben sein".Die Rede stockte; erschöpft sank der Hauptmann zurück. Der Freundhielt ihm die mitgebrachte Weinflasche an den Mund; der Trunk hatteihn wieder gestärkt.
„Danke, Lieber, nimm hier meine Brieftasche und schreibe: Meinletzter Wille. Ich vermache mein ganzes Vermögen in Staatspapierenund Geld, welche bei dem Bankier M. in N. deponiert sind, der Witweund den Kindern meines Feldweibels H. von der 3. Kompagnie des84. Infanterieregiments, der mit mir auf dem Feld der Ehre gebliebenist. Gravelotte, den 18. August 1870". — „Und nun gieb mir Brief-tasche und Bleistift!" Dann unterschrieb er kräftig seinen Namen,überreichte seinem Freund die Brieftasche mit den Worten: „Du bistjetzt mein Testamentsvollstrecker!"
Neben dem Schmerzenslager des Hauptmanns lag der Feldweibel.Der bleiche Mann mit dem blonden Bart hatte zuerst mit starren Augenden Vorgang betrachtet. Als der Hauptmann sein Testament diktierte,belebte eine flüchtige Röte sein Gesicht, und Thränen liefen ihm dieBacken herab. „O mein Hauptmann!" sprach er mit todschwacherStimme. Der Hauptmann reichte dem Sterbenden noch die Hand undsagte: „Wir haben beide als brave Soldaten gedient und wollen jetztals tapfere Soldaten sterben. Gott sei uns gnädig!" Bald darauf starbder Feldweibel mit Lächeln auf dem Gesicht. Die Sorge um Weibund Kind war ihm vom Herzen genommen. Kurz darnach schlummerteauch der Hauptmann ein.