Buch 
Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
Entstehung
Seite
435
JPEG-Download
 

der Stubenthüre anzuklopfen. Da hörte er, wie drinnen die Hausfraumit einer Nachbarin gerade von ihm redete und zwar nicht auf dieliebreichste Weise. Seine Eigentümlichkeiten wurden von den beidenWeiberzungen tüchtig durchgehechelt. Er hörte ihnen mit der größtenGelassenheit zu und ging, als sie von einem andern Gegenstand zusprechen anfingen, heim, ohne sich zu erkennen zu geben. Zu Hausesagte er zu seiner Magd: „Du mußt gleich der N. N. einen LaibBrot und eine Schüssel voll Mehl bringen und ihr ausrichten: Einenschönen Gruß, und da sei der Wäscherlohn." Das war nämlich inMünchingen der gewöhnliche Lohn für die Wäscherinnen. Wenn schondie Magd sich auch nicht erinnerte, jene Frau als Wäscherin in demPfarrhause gesehen zu haben, that sie doch nach ihres Herrn Gebot.Die also bedachte Frau aber konnte die Sache noch weniger begreifenund eilte daher mit der Magd selbst in das Pfarrhaus, um sich desNäheren über den Wäscherlohn zu erkundigen, da sie doch nicht für diePfarrhaushaltung gewaschen und daher den Lohn auch nicht verdienthabe. Flattich aber entgegnete: „Freilich habt Jhr's verdient; ich binmein Lebenlang noch nie so schön gewaschen worden als von Euch undEurer Nachbarin". Jetzt hatte sie Aufschluß.

s«s. Ciner oder der andere.

I. P. Hebel, Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes.

Es ist nichts lieblicher, als wenn bisweilen gekrönte Häuptersich unerkannt zu dem gemeinen Mann herablassen, wie König Hein-rich IV. in Frankreich, sei es auch nur zu einem gutmütigen Spaß.

Zu König Heinrichs des Vierten Zeiten ritt ein Bäuerlein von,Lande her des Weges nach Paris. Nicht mehr weit von der Stadtgesellte sich zu ihm ein anderer, gar stattlicher Reiter, welches der Königwar, und sein kleines Gefolge blieb absichtlich in einiger Entfernungzurück. „Woher des Landes, guter Freund?" — „Da und da her."— „Ihr habt wohl Geschäfte zu Paris?" — „Das und das, auchmöchte ich gerne unsekn guten König einmal sehen, der so väterlich seinVolk liebt." — Da lächelte der König und sagte: „Dazu kann Euchheute Gelegenheit werden". — „Aber wenn ich nur auch wüßte, welcheres ist unter den Vielen, wenn ich ihn sehe!" — Der König sagte:„Dafür ist Rat. Ihr dürft nur acht geben, welcher den Hut alleinauf dem Kopfe behält, wenn die andern ehrerbietig ihr Haupt ent-