Buch 
Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
Entstehung
Seite
513
JPEG-Download
 

513

auswerfen werde, wenn sie die dreißig Thaler nicht zahlen könnten, undwie das ihrem Manne sein Tod sein werde, und wie sie und ihreKinder vor Hunger sterben müßten. — „Frau," rief Geliert, „derHerr lebt noch, und wenn Ihr glaubt, werdet Ihr seine Herrlichkeitsehen." Er befahl der Frau, ihm zu folgen, schloß zu Hause seinPult auf, nahm dreißig Thaler heraus und gab sie der Frau. Alsdiese vor Freude niederfallen und seine Kniee umklammern wollte,wehrte er ab und sagte: „Danket Gott, der Euer Gebet erhört hat!Geht jetzt, aber nicht früher als um elf Uhr, zu Neidhardt, ihm dasGeld zu bringen."

Kurz vor elf Uhr ging Geliert zu dem alten Neidhardt, der ebenvor einem Tische mit Geld saß und es ungern hatte, daß er gestörtwurde, aber einem so allgemein geachteten Manne gegenüber artigersein mußte, als es ihm ums Herz war. Geliert sagte: „Herr Neid-hardt, von Ihnen kann man gewiß viel Gutes lernen. Sie werdendie Kunst verstehen, mit Ihrem Gottessegen wahrhaft wohlzuthun."Der Geizhals war in Verlegenheit; denn gut deutsch sagte ihm seinGewissen das Gegenteil, und er wünschte den Professor über alle Berge.Gellert aber fuhr fort, von den seligen Freuden des Wohlthuns so ein-dringlich zu reden, daß es dem Wucherer ganz warm ums Herz wurde.

Da schlug es elf, und mit dem Schlage trat die arme Frauherein mit einem strahlenden Gesichte und rief: „Da bringe ich Ihnendie dreißig Thaler, und jetzt geben Sie mir auch das Brieflein wieder,das Ihnen mein todkranker Mann geschrieben, daß Sie uns nichtsollten aus dem Hause werfen." Und dem Neidhardt war's, als stündeer auf Kohlen, und er sagte: „Ach, es hätte nicht so pressiert; es warja nicht so ernst gemeint. Ihr seht ja, daß ich jetzt Besuch habe; gehtjetzt!" Unterdessen ergriff er mit seinen knochigen Fingern die Rolleund schob sie in die Tasche. Gellert aber sagte halblaut: „Es sinddreißig Thaler und es klebt kein Fluch daran." Und Neidhardt fühltebei diesen Worten ein sonderbares Frösteln. Die Frau aber fuhr fort:„Ja, ja, jetzt sagen Sie, es sei Ihnen nicht ernst gewesen. Gesternaber sagten Sie: ,Geld muß her, oder ich werfe Euch mit EuremPlunder auf die Straße'. Wir haben Ihnen nicht geflucht; wohl aberhat mein Mann für Sie gebetet, daß Gott Ihnen das steinerne Herzwegnehmen möchte, und heute Morgen hat Gott unser Elend angesehen:wie ich auf einem Straßensteine weine, hat mich dieser gute Herr da

Schweiz. Jugendfreund. ää