516
„Schreiben Sie mir doch das Gedicht genau und hübsch ab!" DerSchultheiß aber, der unten am Tische saß, rief: „Und ein Mann, derso köstliche Lieder macht, sollte sich in diesem Winterwetter keine warmeStube machen können? Lieber wollte ich acht Tage frieren wie einWindhund. So wahr mir Gott heute aus der Not geholfen hat, dasmuß anders werden!" Er machte das Fenster auf: „.He, Fritz! aufder Stelle belade den großen Güterwagen mit Buchenholz, was daraufgeht; fahre mit vier Pferden nach Leipzig zum Professor Geliert, sage,ich lasse ihn freundlich grüßen, und das sei ein Geschenk für das schöneLied: ,Jch hab' in guten Stunden", und er solle sich eine warme Stubemachen." „Bravo!" riefen alle Anwesenden. Und gegen Abend lag vorGellerts Hause ein Haufe Holz, daß es eine Art hatte. Der Doktoraber nahm einen der Offiziere auf die Seite und fragte, wer der hoheOffizier sei, der das Wort geführt, und er erhielt zur Antwort: „Dasist Prinz Heinrich von Preußen." — Gellert aber, als er das Holzsah und hörte, das sei für das Lied, das er erst gestern gemacht, schüttelteden Kopf, konnte sich's nicht erklären, wie das zugegangen sei, und wußtenichts Besseres zu thun, als mit herzlichem: Gott Lob und Dank!zur Ruhe zu gehen.
III. Unterdessen war ein ganzes preußisches Heer in Leipzig ein-gezogen, und am andern Tag war alles voll Soldaten, und unser kleinerDoktor wußte fast gar nicht durchzukommen. Auf der Straße begegneteihm der alte Neidhardt und sagte: „Herr Doktor, wie geht's dem armenSchuster?" „Ja, dem haben Sie die beste Mixtur verschrieben!" rieflachend der Doktor. „Aber wissen Sie auch, daß Gellert die dreißigThaler an seinem Munde abgespart und dafür jetzt keinen Pfennig hat,und keinen Rat weiß und doch noch ein Lied dabei machen kann?" Undder Doktor las dem Neidhardt das Lied vor, und der strich sich eineThräne aus den Augen, ging nach Hause, packte dreißig Thaler zu-sammen, schrieb auf ein Papier: „Für das Lied: Ich hab' in gutenStunden", gab sie seiner Magd und sprach: „Da, lauf hin zum ProfessorGellert und gieb das Päcklein ab, sage aber beileibe nicht, woher eskommt!"
Gellert saß eben am Schreibpult. Als er das Päcklein öffnete undlas, rief er aus: „Das ist doch zu bunt! Haben denn die Leute dasLied schon gedruckt in den Händen? Der Doktor wird doch nicht-